Investmentabenteuer in den Emerging Markets

Nachbarschaftliche Interessen von Russland und China

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Die meisten stimmen wahrscheinlich zu, dass friedliche Kooperation mehr Sinn macht als eine angespannte Lage, selbst wenn wir uns nicht in die Augen sehen – egal, ob es unser Nachbar im Flugzeug ist oder er jenseits der Staatsgrenze lebt. Die chinesisch-russische Grenze ist ca. 6.400 km lang, und die nachbarschaftlichen Beziehungen haben zweifelsohne ihre Höhen und Tiefen erlebt. Doch für mich liegt es klar auf der Hand, dass die Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen den beiden Nationen enorme potenzielle gegenseitige Vorzüge eröffnen. Dies trifft insbesondere auf den Handel von Bodenschätzen zu.

Als Anfang 2010 der Oligarch Oleg Deripaska mit seiner Aluminiumgesellschaft an die Hongkonger Börse ging, stellten wir erstmals ein maßgebliches russisches Interesse an den asiatischen Kapitalmärkten fest. 2011 unterzeichnete er mit der Export Import Bank von China eine Absichtserklärung über 5 Mrd. US-Dollar zur Erschließung von Ressourcen in Sibirien sowie in der fernöstlichen Region Russlands. Sie schloss Kraftwerke, Kohlenbergwerke und andere Projekte ein.

Die russische Führung hat ihren Fokus nach Osten und auf das riesige Gebiet gelegt, das sich bis zum pazifischen Ozean erstreckt, weil sie im Verlauf der vergangenen Jahre die Wirtschaftsprobleme in Europa und die kräftigeren relativen Wachstumsraten Asiens erkannt hat. Der damalige russische Premierminister Wladimir Putin unterzeichnete 2011 eine Erklärung zur wirtschaftlichen Modernisierung mit Chinas Präsidenten Hu Jintao. Infolgedessen stieg der russisch-chinesische Handel 2011 um gewaltige 40% auf 79 Mrd. US-Dollar[1]. Voraussichtlich wird er innerhalb der nächsten 2-3 Jahre einen Jahreswert von 100 Mrd. US-Dollar erreichen.[2]

Kurz nach seiner Wahl zur Präsidentschaft im März 2012 schuf Putin eine spezifische Regierungsbehörde im neuen Ministerium für die fernöstliche Entwicklung (Minvostokrazvitiya). Damit demonstrierte er seine Absicht, die Beziehungen mit Asien zu verbessern und den russischen Fernen Osten weiterzuentwickeln. Die russische Regierung verabschiedete darüber hinaus im April 2012 Gesetze zur Schaffung einer Far East Corporation mit 17 Mrd. US-Dollar, die teilweise nicht unter die Zuständigkeit der Justiz des Bundes fällt und direkt an den Präsidenten berichtet. Diese neue Körperschaft erhielt Sonderbefugnisse, um neue Unternehmen zu bilden und Mittel zur Erschließung des Gebiets zur Verfügung zu stellen.

Im Zuge eines Staatsbesuchs gründeten Russland und China außerdem einen russisch-chinesischen Investmentfonds mit 4 Mrd. US-Dollar, um in chinesische Unternehmen zu investieren, an denen Russland mitwirkt bzw. die Projekte in Russland betreffen. Eines der ersten Projekte ist ein russisches Forstwirtschaftsunternehmen, das einen beträchtlichen Anteil der chinesischen Holzimporte liefern wird. In der Region Amur, nur knapp 100 km von der chinesischen Grenze entfernt, ist zudem ein Raumfahrtzentrum geplant, das 8 Mrd. US-Dollar kosten soll. Damit soll das Kosmodrom in Kasachstan ersetzt werden, das derzeit in erster Linie für russische und amerikanische Flüge zur internationalen Raumstation dient. Das Amur-Projekt umfasst sieben Startrampen und der erste Raketenstart ist für 2015 geplant.

Eisenbahnen und Ölfelder

Das sind nur einige wenige Beispiele. Russland hat zahlreiche andere größere Projekte im Fernen Osten und China geplant. Ich denke, der Ausbau des russischen Eisenbahnnetzes nach China könnte die wichtigsten langfristigen Vorzüge bringen, die im Rahmen der Zusammenarbeit der beiden Länder entstehen. Russland hat mit den chinesischen Eisenbahnen Jointventure-Vereinbarungen zur Modernisierung des russischen Eisenbahnkorridors unterzeichnet, der Europa mit China verbindet.

Überdies bin ich davon überzeugt, dass die reichen Öl- und Gasfelder Russlands von großem Interesse für China sind, da die dortige Energienachfrage voraussichtlich künftig mit einer wachsenden Mittelschicht zunehmen wird. Aufgrund der nachgewiesenen Erdgasreserven von 5 Bio. m3 im Fernen Osten Russlands[3] sind die Möglichkeiten für China gewaltig. Die Verhandlungen über die Gaspreise finden allerdings immer noch statt. China hat in der ganzen Welt Gasverträge abgeschlossen, aber die Möglichkeit, Gas von Russland ins Reich der Mitte zu leiten, ist eine logische Folgerung, sofern der Preis stimmt. Die Bazhenov-Formation in Sibirien verfügt über ganz erhebliche Ölreserven. Sie sind sogar größer als die enormen Vorkommen des ölhaltigen Gesteins von Bakken in North Dakota und Montana in den USA. Die Bazhenov-Reserven erstrecken sich über ein Gebiet von 2,3 Mio. km2 (was der Größe von Texas und dem Golf von Mexiko zusammen entspricht) und das Gebiet ist 80-mal größer als Bakken[4], wo derzeit über 500.000 Barrel täglich produziert werden.[5] Die russische Behörde Rosnedra (nationale Bodenagentur) prognostiziert, dass die Bazhenov-Formation insgesamt 182 Mrd. Barrel erzeugen könnte – und das ist eine konservative Schätzung. Laut den Hochrechnungen des russischen Energieministeriums könnte Bazhenov im Jahr 2020 mit Hilfe von Fracking 2 Mio. Barrel täglich produzieren. Hierbei werden in ölhaltiges Speichergestein Wasser und Chemikalien eingedrückt, um Risse zu erzeugen und das Öl zu gewinnen. In den vergangenen Jahren haben Russland und Saudi-Arabien im Zusammenhang mit der weltweiten Ölproduktion zwischen dem ersten und zweiten Platz gewechselt. Russland förderte 2010 10 Mio. Barrel täglich, verglichen mit 9 Mio. aus Saudi-Arabien.[6] Mit der Entwicklung des Bazhenov-Felds dürfte die Gesamtproduktion beträchtlich ansteigen, wobei China höchstwahrscheinlich der Primärmarkt sein wird.

Konflikt – und Kooperation

Die Übernahme der Präsidentschaft der asiatisch-pazifischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit (APEC – Asia Pacific Economic Cooperation), der internationalen Organisation von 21 Nationen des pazifischen Raums, durch Russland von den USA ist eine weitere Bemühung, das asiatische Engagement in den Vordergrund zu stellen. In der Nähe der russischen Grenze mit China und Nordkorea liegt Wladiwostok, der Veranstaltungsort des diesjährigen 24. Gipfeltreffens der Organisation. Die Stadt erlebte in der Folge eines fünfjährigen Infrastrukturprogramms einen unbeschreiblichen Aufschwung. Man investierte über 1 Mrd. US-Dollar in Hotels, Straßen sowie andere Projekte zur Verbesserung der Stadt und um die Delegierten der Organisation zu beeindrucken. Im Verlauf des Gipfeltreffens wurden ebenso eine Reihe von Kooperativen angekündigt. Präsident Putin lobte beispielsweise das russisch-japanische Projekt zum Bau einer Flüssiggasanlage in Wladiwostok zum Export von Erdgas nach Japan. (Japan verbrauchte 2011 83 Mio. t Flüssiggas.) Der Plan für die Wladiwostoker Anlage, die über eine Jahreskapazität von 10 Mio. t verfügen wird, beläuft sich auf 7 Mrd. US-Dollar. Eine weitere Flüssiggasanlage Russlands befindet sich auf der Insel Sachalin. Dort werden jährlich 10,6 Mio. t produziert.

Russlands und Chinas gemeinsame Grenze entlang des Flusses Amur ist geografisch betrachtet ein Bereich vergangener Konflikte, aber auch einer der potenziellen Kooperation. Die russische Seite ist unterbevölkert, hat aber große landwirtschaftliche Nutzflächen, Holz und andere Ressourcen. Dagegen ist die chinesische Seite dicht besiedelt und hat sehr wenige Ressourcen. 1969 führten die Spannungen an der Grenze fast zu einem Krieg, heute ist die Stimmung jedoch völlig anders. Laut Berichten sind die meisten sibirischen und fernöstlichen Beamten hinsichtlich der chinesischen Präsenz in der Region positiv eingestellt, da ihnen die Abwanderung ethnischer Russen aus Ihrem Bereich Probleme bereitete und chinesische Arbeitnehmer das Land kultivieren können.

Natürlich kann es selbst unter den freundlichsten Nachbarn gelegentlich zu Meinungsverschiedenheiten kommen, aber wenn die Nachbarn wie China und Russland sich auf Projekte zum gegenseitigen wirtschaftlichen Nutzen konzentrieren können, dann ist das, so glaube ich, ein Ansatz, dem wir Zuhause folgen sollten.


[1] Quelle: Sergei Blagov, The Jamestown Foundation, „Russia Seeks Increased Trade with China“, März 2012.

[2] Quelle: Renmin Ribao, Vladimir Putin eng.kremlin.ru/transcripts/3955

[3] Quelle: USA. Energy Information Administration, September 2012.

[4] Quelle: Forbes, „Meet the Oil Shale Eighty Times Bigger Than the Bakken“, Juni 2012.

[5] Quelle: North Dakota Department of Mineral Resources, 2012.

[6] Quelle: U.S. Energy Information Administration, Januar 2011.

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