Investmentabenteuer in den Emerging Markets

Wird Chinas neue Führung Reformen vorantreiben?

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Die Verunsicherung durch den Wahlprozess in demokratischen Ländern mag in China weitgehend ausbleiben, doch der allmähliche Führungswechsel in dem Land und dessen voraussichtliche Kursänderung im nächsten Jahrzehnt werfen trotzdem Fragen auf. Im März 2013 will der nationale Volkskongress, Chinas Parlament und höchstes Staatsorgan, Chinas Führung offiziell einsetzen, und mehrere Angehörige der „alten Garde“ treten ab. Ich frage mich: Wird Chinas neue Führungsriege die Wirtschaft weiter reformieren, auf ein binnenkonsumorientiertes Modell umstellen und dabei auch künftig beneidenswerte Wachstumsraten beibehalten können? Ich glaube schon.

Hinter Chinas verschlossenen Türen

Der alle zehn Jahre erfolgende Führungswechsel in China findet streng kontrolliert und geheim statt. Es ist kein Prozess, an dem die gesamte chinesische Bevölkerung beteiligt ist, denn an der Spitze der Wirtschaft und der Staatsverwaltung steht die kommunistische Partei.

In jeder politischen Partei gibt es Meinungsverschiedenheiten darüber, wie die Wirtschaft am besten zu lenken und Politik optimal umzusetzen ist. Das ist in China sicherlich nicht anders. Doch dort läuft das im Großen und Ganzen friedlich ab, und nach meiner Erwartung wird die neue Führungsspitze Differenzen rasch beilegen und sich auf die Entwicklung und Umsetzung des „Fünfjahresplans“ konzentrieren, des Fahrplans für die künftige Entwicklung des Landes.

Der Fünfjahresplan

Chinas aktueller Fünfjahresplan zielt ab auf den Umbau der chinesischen Wirtschaft von einem exportorientierten zu einem auf den Inlandsverbrauch ausgerichteten Modell. Das ist eine Umstellung mit Auswirkungen auf die ganze Welt. Im Zuge dieses Prozesses gehen unter anderem die chinesischen Wachstumsraten von den zweistelligen Werten der letzten Jahre zurück. Eine leichte Abschwächung war unseres Erachtens schon allein aufgrund der Größe der Volkswirtschaft unvermeidlich (die weltweit inzwischen an zweiter Stelle steht).

Im vergangenen Jahr wurde viel über eine mögliche „unsanfte Landung“ in China gesprochen, also einen drastischen Einbruch des Wachstums in einem heiklen globalen Umfeld. Ich habe stets die Ansicht vertreten, dass China dynamisch weiterwachsen könnte – und das ist offenbar der Fall. Insbesondere deutete der chinesische Handelsminister Chen Deming im November an, dass das Land sein offizielles BIP-Wachstumsziel von 7,5% für 2012 erreichen sollte – was kaum als hartes Aufsetzen zu werten wäre. Sollten die USA und Europa spürbare Fortschritte bei der Bewältigung ihrer Schuldenprobleme zu Wege bringen und sollte die Weltwirtschaft wieder wachsen, würde mich nicht überraschen, wenn China sogar noch zulegt. Doch selbst bei stabilen oder geringfügig niedrigeren Raten von 6% oder 7% im nächsten Jahr könnte man meines Erachtens immer noch von sehr raschem Wachstum sprechen.

Reformen und Fortschritt sind auf Kurs

Xi Jinping ist neuer Chef der kommunistischen Partei in der Volksrepublik China und Li Keqiang sein Stellvertreter. Beide betonten öffentlich die Notwendigkeit fortgesetzter Reformen, doch Xi ist ein Konservativer und gilt in wirtschaftlicher Hinsicht als reformbereiter als in politischer. Eine radikale politische Kursänderung in China ist eher unwahrscheinlich. Unter den Reformbestrebungen finde ich einen Vorstoß zur Korruptionsbekämpfung und eine Initiative zur breiteren Wohlstandsverteilung besonders vielversprechend. Zahlreiche Beobachter erwarten sich vom Urbanisierungsfokus eine Abkehr von großen Metropolen hin zu kleineren Städten. Unter solchen Umständen könnte das städtische Meldewesen reformiert werden. Ein weiterer Schwerpunkt dürfte auf Umweltschutz liegen. Im chinesischen Energiesektor wird Erdgas vermutlich eine zunehmende Rolle spielen.

Wie angesprochen, sieht der Fünfjahresplan die Umstellung auf Produkte mit hoher Wertschöpfung sowie die Entwicklung einer stärkeren heimischen Wirtschaft vor, um die bisherige exportgesteuerte Wirtschaft abzulösen. Die Löhne in China steigen bereits, und mehr Geld in den Taschen der Verbraucher führt in aller Regel zu höheren Ausgaben. Währenddessen verringert China nach und nach seine Exportabhängigkeit. Die neue Führung hat die Aufgabe, aus der riesigen Bevölkerung eine stärker konsumorientierte Gesellschaft zu machen, damit China in seinem Wachstum weniger auf Exporte angewiesen ist.

Gesteigerte Produktivität ist ein entscheidender Schritt in diesem Entwicklungsprozess. Beim Blick auf die Zusammensetzung von Chinas Exporten erkennen wir immer mehr High-Tech-Produkte. Die Qualität der chinesischen Fabrikproduktion hat sich enorm verbessert, wie ich beobachten konnte. Autohersteller, Telekoms und andere High-Tech-Unternehmen wollen durch hochwertigere Produkte auf der globalen Bühne wettbewerbsfähiger werden.

Auslandsbeziehungen

In Bezug auf ihre Einstellung zu Außenbeziehungen ist diese Phase für Chinas neue Führung entscheidend. Sorgen bereiten Angelegenheiten wie der Streit mit Japan über Inseln im Südchinesischen Meer und der Umstand, dass die Beziehungen zwischen den USA und China, ihrem zweitgrößten Handelspartner, Fingerspitzengefühl erfordern. Das neue Führungsteam ist jung, modern und wirkt vergleichsweise flexibel, was für diese wichtige Beziehung meines Erachtens verheißungsvoll ist. Gleichzeitig könnte die Außenpolitik nach der Wiederwahl Präsident Obamas für eine zweite Amtszeit in den USA meiner Ansicht nach versöhnlicher werden. Gleich zwei Regierungen, die entgegenkommend und verhandlungsbereit erscheinen, veranlassen mich zu einer generell positiven Prognose für diese Beziehung.

Der historische Wandel ist faszinierend, doch unser Research und unsere Einschätzungen drehen sich am Ende natürlich um Anlagechancen. Egal wer in China das Sagen hat, die Konsumkultur dürfte nach meiner Erwartung weiter zunehmen, und die Nachfrage nach Rohstoffen, Produkten und Dienstleistungen im Zuge dessen ebenfalls, was die Wachstumsmotoren noch einige Zeit ankurbeln sollte.

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