Investmentabenteuer in den Emerging Markets

Chinas Konsum – von Rohstoffen zu Karaoke

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Das nachlassende Wachstum in China wird wegen seiner Auswirkungen auf die Rohstoffnachfrage – und damit auf die Rohstoffpreise – mit großer Sorge gesehen. Dabei wird meist vor allem auf die Preisausschläge beim Rohöl geschaut, obwohl Chinas Anteil am weltweiten Ölverbrauch nur etwa 12% beträgt und damit deutlich geringer ist als der der USA.[1] Die Preisentwicklung vieler anderer Rohstoffe, bei denen Chinas Anteil am Weltverbrauch größer ist, dürfte daher in noch höherem Maße durch die chinesischen Nachfragemuster beeinflusst werden. 2014[2] hatte China einen Anteil von 22% am weltweiten Getreideverbrauch. Beim weltweiten Metallverbrauch hat sich der Anteil des Landes sogar mehr als verdreifacht: von 13% im Jahr 2000 auf 47% im Jahr 2014.[3] China ist einer der Hauptverbraucher von Aluminium, Nickel, Kupfer, Zink, Zinn und Eisenerz. China verbraucht natürlich nicht nur Rohstoffe. Die wachsende Mittelschicht hat mit ihrer inzwischen enormen Kaufkraft dafür gesorgt, dass im Inland viele neue, für uns als Anleger sehr interessante Wirtschaftszweige entstanden sind, u. a. Kosmetik, Unterhaltung (Kinos, Musik) und vieles mehr.

Chinas Wandel von einem vorwiegend exportabhängigen hin zu einem durch den Binnenmarkt getriebenen Wirtschaftsmodell geht weiter, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes wächst jedoch insgesamt langsamer. Ein Wachstumsrückgang ist zu erwarten, da China in den letzten beiden Jahrzehnten enormes Wirtschaftswachstum verzeichnet hat. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass auch der USD-Wert der Volkswirtschaft enorm gestiegen ist. Es wird viel darüber diskutiert, wie sich Chinas Rohstoffnachfrage im Zuge der Änderung des Wirtschaftsmodells verändern wird. Wir denken, dass Chinas Energie- und Metallverbrauch langfristig eher steigen als zurückgehen wird, weil China noch sehr viel mehr Wachstum und Ausbau der Infrastruktur brauchen wird als die Industrieländer. Diese anhaltende Nachfrage dürfte durch die weitere Migration aus den ländlichen Bereichen Chinas in die Städte noch befeuert werden. Uns ist aber klar, dass die Nachfrage nicht unbedingt den Erwartungen verschiedener Rohstofferzeuger entsprechen wird, die die Nachfragesteigerungen aus China und anderen Teilen der Welt möglicherweise überschätzt haben.

Bedeutung von Eisenerz für die Infrastruktur

Die Nachfrage nach Eisenerz – eine Hauptkomponente von Stahl und damit von kritischer Bedeutung für die Infrastruktur – ist für China, das einen Anteil von 50% an der weltweiten Rohstahlherstellung hat, besonders wichtig.[4] Natürlich rechnen wir damit, dass dieser Anteil zurückgehen könnte, wenn sich Chinas Wirtschaft stärker auf Konsum ausrichtet und ihr Wachstum weniger stark von der Infrastruktur abhängt, während andere Länder wie zum Beispiel Indien in eine Phase starker Infrastrukturentwicklung eintreten. Jedenfalls hat China inzwischen einen so großen Einfluss, dass der globale Richtpreis für Eisenerz, der früher in Japan bestimmt wurde, inzwischen auf dem Preis bei Lieferung in chinesischen Häfen basiert. Chinas Boom in der Stahlproduktion hat jedoch seinen Preis: die starke Luftverschmutzung in der Hauptstadt Peking.

Ministerpräsident Li Keqiang hat geschworen, für mehr Luftreinheit zu sorgen, u. a. durch hohe Geldbußen für Verstöße gegen Umweltgesetze und -vorschriften. Als Anfang September in Beijing Feierlichkeiten anlässlich des 70. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkriegs stattfanden, blieben Tausende Stahlwerke in der Region geschlossen und auch auf Hunderten Baustellen wurde die Arbeit eingestellt, um die Umweltbelastungen für die Dauer der Veranstaltungen zu reduzieren. Die Regierung hat auch Maßnahmen ergriffen, um die Überkapazitäten in der Stahlherstellung in den Griff zu bekommen. Ein Teil der Produktion in der Provinz Hebei (die den Großteil des Smogs in Peking verursacht) wird in Küstenbereiche verlegt. China wird voraussichtlich auch die Wiederverwertung von Stahl steigern, was Auswirkungen auf die langfristigen Trends für Produktion, Umweltverschmutzung und Preise haben könnte.

Natürlich können wir nicht vorhersagen, wohin die Rohstoffpreisentwicklung jetzt geht. Wir wissen aber, dass sich China wegen seines hohen Rohstoffverbrauchs zu einem Zentrum des Rohstoffhandels entwickelt, der früher durch London und New York dominiert wurde. Ein Beispiel dafür ist die Übernahme der London Metal Exchange im Jahr 2012 durch die Hong Kong Exchanges and Clearing Ltd.

chinas wirtschaft Metallpreise

FertigstahlnachfrageChinas Konsum ändert sich: Musik und Kosmetika

Die Sorge um Chinas Rohstoffnachfrage muss man sicherlich zur Kenntnis nehmen. Mir scheint jedoch, dass das Aufblühen neuer Wirtschaftszweige und Dienstleistungen in China vielleicht eine noch überzeugendere Story ist. Unser Team ist auf der Suche nach Anlagechancen in China, die sich dadurch ergeben könnten, dass sich der Verbrauchergeschmack ändert, die Löhne steigen und die Mittelschicht immer größer wird. Auf meinen Reisen durch China finde ich jetzt Branchen, die es in den letzten Jahrzehnten noch gar nicht gab und die heute die Wirtschaft prägen.

Ein Beispiel dafür ist die Musik. Wie in anderen Teilen der Welt ist die Musik auch in China ein wichtiger Bestandteil des Lebens. In den verschiedenen chinesischen Städten, die ich besucht habe, sind mir etliche Karaokeläden aufgefallen – Karaoke erfreut sich offensichtlich immer größerer Beliebtheit. Allerdings wäre es eine Vollzeitbeschäftigung, die Beliebtheit der verschiedenen chinesischen Musiker einzuschätzen – eine Aufgabe, die in China vielleicht noch komplizierter ist als in anderen Ländern. In den USA gibt es Billboard, eine Fachzeitschrift der Musikbranche mit Listen der meistverkauften Songs und Alben. In China gibt es dagegen mehrere Musikcharts.  Einem Bericht zufolge will jetzt ein chinesischer Anbieter für Musikvideo-Streaming die Führung übernehmen, indem er sich mit Billboard zusammenschließt, um auf seiner Website jede Woche die Statistiken für die chinesische Popmusik zu veröffentlichen. Inzwischen nimmt auch die globale Musikindustrie den zunehmenden Einfluss der chinesischen Verbraucher zur Kenntnis. So hat zum Beispiel die US-Rockband Bon Jovi kürzlich einen beliebten Titel auf Mandarin aufgenommen.

Noch ist der chinesische Musikmarkt klein: Nach Angaben der International Federation of the Phonographic Industry beliefen sich die geschätzten Einnahmen aus digitaler Musik für 2014 auf 91 Millionen USD, in den USA dagegen auf 3,5 Milliarden USD. Amtlichen Statistiken zufolge hören mehr als 400 Millionen Menschen in China online Musik. Es ist jedoch ein harter Markt, weil es immer schwieriger wird, diese Musikfreunde dazu zu bewegen, für den Online-Genuss zu bezahlen. Es müssen jetzt neue Wege gefunden werden, die Zuhörerschaft zu messen und Einnahmen zu erzielen. Eine Branchenwebsite, die die wöchentliche Beliebtheit der Titel anhand von Fan-Clicks misst, veröffentlicht diese Informationen zusätzlich zu Daten aus Microblog-Plattformen auf ihrer eigenen offiziellen Website. Viele chinesische Fans sind auch bereit, dafür zu zahlen, dass ihre „Likes“ bzw. Favoriten im Internet bekannt gegeben werden. Eine Besonderheit der chinesischen Musikindustrie ist allerdings, dass chinesische Popsongs jetzt nicht nur auf Mandarin, sondern auch auf Kantonesisch gesungen werden.

Die Verstädterung Chinas nimmt zu und die Prokopfeinkommen steigen. Da überrascht es nicht, dass das Land auch in anderen Konsumbereichen zu den USA aufschließt, zum Beispiel auch bei Kosmetika. Chinas Jahresumsätze an Schönheits- und Körperpflegeprodukten steigen schneller als die globalen Kosmetikumsätze. Voraussichtlich werden die gesamten Hautpflegeumsätze in Asien dieses Jahr fast die Hälfte des weltweiten Gesamtumsatzes an diesen Produkten ausmachen. [5]

In Chinas Kosmetik- und Hautpflegemarkt dominieren größtenteils ausländische Marken, so dass die einheimischen Firmen noch einigen Aufholbedarf haben. Südkorea spielt in diesem Bereich eine wichtige Rolle: Ein Viertel seiner Kosmetikexporte gehen nach China.[6] Der Kosmetikvertrieb erfolgt in China durch Super- und Hypermärkte, Warenhäuser, Kosmetikfachgeschäfte und online.

Für die Musik- und Kosmetikbranche, aber auch für andere Branchen, sehen wir eine rosige Zukunft im bevölkerungsreichsten Land der Erde voraus. Auch wenn China jetzt langsamer wächst als in den letzten Jahrzehnten, braucht uns das keine Sorgen zu machen. Wir denken, dass China weiterhin ein mächtiger globaler Wachstumsmotor sein wird, dessen Einfluss in etlichen Wirtschaftszweigen noch viele Jahre lang zu spüren sein wird.

[1] Quelle: Weltbank, „How Important Are China and India in Global Commodity Consumption?“ Juli 2015; zugrunde gelegt wurden Daten von 2014.

[2]Ebd.

[3]Ebd.

[4] Quelle: Internationaler Währungsfonds, Oktober 2015. Daten zum Stand 2014.

[5] Quelle: Wall Street Journal, „Cosmetics Industry Applies Asian Trends to West“, Mai 2015.

[6] Quelle: Bloomberg, „Could Korean Beauty Products Be Korea’s New Export Machine?“ 8. September 2015.

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