Investmentabenteuer in den Emerging Markets

Perspektive

Das Innovationssegment an der chinesischen Börse: Chance oder Hype?

China wird am Aktienmarkt ein neues Segment im Stil des NASDAQ eröffnen, an dem innovative Unternehmen aus den Bereichen Technologie und Forschung notiert werden und Kapital aufnehmen können. Auch wenn die ein oder andere Schwierigkeit noch zu überwinden sein dürfte, wird das neue Segment strategische Bedeutung für China entfalten. Jason Zhu, Director of Portfolio Management – China Equities, glaubt, dass es Chinas Aufstieg zu einem wichtigen Forschungsstandort beschleunigen und jungen Unternehmen dabei helfen könnte, sich zu Branchenführern zu entwickeln. Das Team wird jedoch mindestens zwei wichtige Faktoren im Blick behalten: die Qualität der notierten Unternehmen sowie deren Bewertungen.

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Große Ambitionen

Im November 2018 kündigte der chinesische Staatspräsident Xi Jinping die Einführung eines Innovationssegments für Wissenschaft und Technologie (Science and Technology Innovation Board, STIB) an der Shanghaier Börse an. Dieses Segment soll als spezielle Plattform, an der Unternehmen aus den Bereichen Technologie und Forschung notiert werden und Kapital aufnehmen können, Innovationen in China vorantreiben. Marktbeobachter haben sofort Parallelen zwischen dem neuen Segment und der US-amerikanischen NASDAQ gezogen.

Wir begrüßen die Neuerung. Unserer Meinung nach hat das STIB, das die wirtschaftliche Restrukturierung vorantreibt, strategische Bedeutung für China. Es könnte Chinas Aufstieg zu einem wichtigen Forschungsstandort beschleunigen. China wird oft als das Land begabter Nachahmer wahrgenommen, aber neuerdings positioniert es sich in mehreren Bereichen als Innovationstreiber. So übernahm China im Jahr 2017 bei den weltweiten Patentanmeldungen mit 43,6 % klar die Führung. Die USA kamen mit 19,2 % nicht einmal auf die Hälfte von diesem Wert. Außerdem haben sich die chinesischen Ausgaben für Forschung und Entwicklung auf 2,13 % des Bruttoinlandsprodukts erhöht – in der EU beträgt der Anteil geschätzt 1,96 %.[1]

Das neue Segment könnte Kapital in Bereiche lenken, in denen China Aufholbedarf hat, und die alles entscheidenden Vorteile bereitstellen. Insgesamt gehen wir davon aus, dass das STIB in mehrfacher Hinsicht wichtigen Einfluss entfalten wird.

  1. Mehr Zugriff auf privates Kapital

Die Aktienmärkte bilden das Zentrum des Kapitalismus. Sie ermöglichen kapitalhungrigen Unternehmen Zugang zu renditeorientierten Anlegern. Die Liberalisierung der letzten Jahrzehnte in China wurde begleitet vom Aufblühen der dortigen Aktienmärkte, die während des investitionsbasierten Wachstums den Aufstieg von Riesen der „Old Economy“ in Branchen wie Energie, Bergbau, Immobilien und Bankwesen befeuerten. Die meisten dieser Unternehmen hatten sich bereits mit etablierten Geschäftsmodellen bewährt, bevor sie an die Börse gehen konnten.

Doch die wirtschaftlichen Prioritäten Chinas entwickeln sich weiter. Die Finanzmärkte müssen folgen. Da China immer stärker darauf setzt, mit Innovationen hochwertigeres Wachstum und technologische Durchbrüche zu erzielen, erfolgt die Schaffung des Segments für Wissenschaft und Technologie unserer Ansicht nach zum richtigen Zeitpunkt. Es wird Hightech-Start-ups nicht nur die Aufnahme von Kapital ermöglichen, sondern auch Zugang zu Venture Capital und Private-Equity-Beteiligungen bieten, damit der Exit gelingt und Kapital umgeschichtet werden kann. Kurz gesagt: Das neue Segment könnte Anreize für die Investition von privatem Kapital in die Technologieszene schaffen.

Doch die Auswirkungen reichen noch weiter. Wenn der Aktienmarkt die chinesische Realwirtschaft in Zukunft besser unterstützt, kann er möglicherweise auch die Kapitalallokation verbessern – was gerade für dieses Land, das wegen der Vergabe von staatlichen Subventionen und anderen Hilfen kritisiert wird, große Vorteile hätte. Wir erwarten, dass das STIB der Regierung Spielraum verschafft, um Förderungen abzubauen. Dies dürfte die Effizienz und längerfristige Resilienz der chinesischen Wirtschaft stärken.

  1. Tiefgreifende Kapitalmarktreformen

Die chinesischen Aktienmärkte sind riesig, wirken aber auf manche Anleger und auf hochwertige Unternehmen, die an die Börse gehen wollen, nach wie vor wenig einladend. Zu den abschreckenden Faktoren gehören strenge Vorgaben, die die Freiheit und die Effizienz der Märkte einschränken. Zu nennen sind beispielsweise ein auf der Zulassung beruhendes System für Börsengänge, Rentabilitätskriterien für Kandidaten, eine inoffizielle, aber weitflächig angewandte Bewertungsobergrenze vor dem Börsengang sowie tägliche Kurslimits für Aktien.

China hat eine Reform der Kapitalmärkte versprochen, und wir betrachten das Segment für Wissenschaft und Technologie in diesem Zusammenhang als wichtiges Pilotprojekt. Es wäre ein Novum in der Geschichte Chinas, wenn das Land auf ein System umstellen würde, das für Börsengänge nur noch eine Registrierung fordert, und unrentable Unternehmen zuließe. In diesem Zuge würde China die impliziten Bewertungsobergrenzen für Börsengänge aufgeben und die täglichen Kurslimits lockern. Wir erwarten von diesen Neuerungen einen stärkeren Einfluss der Märkte sowie schnellere, transparentere Börsengänge. Manche der neuen Regeln könnten in Zukunft auch für andere chinesische Börsen gelten.

Unserer Ansicht ist das neue Segment Ausdruck den chinesischen Vorhabens, die Kapitalmärkte offener und wettbewerbsorientierter zu gestalten. Insbesondere könnte es Shanghai helfen, sich zu einem internationalen Finanzzentrum zu entwickeln. Doch das STIB wird nicht nur Kapital anziehen. Vielmehr wird es dem finanziellen Ökosystem sicherlich auch eine stärkere Dynamik verleihen.

  1. Aufstieg in den Lieferketten

Wir betrachten das STIB als entscheidenden Faktor für das Vorhaben, die chinesischen Branchen weiter oben in den Lieferketten zu positionieren. Die wirtschaftliche Neuausrichtung und das technologische Überleben Chinas werden stark davon abhängen, ob sich das Land von einem Billiglieferanten für qualitativ geringwertige Waren zu einem Anbieter von Hochtechnologie-Produkten mit attraktiven Margen entwickeln kann.

Das neue Börsensegment ist vorrangig auf strategische Branchen wie Halbleiter, Big Data, moderne Ausrüstung, neue Energien sowie Biomedizin ausgerichtet. In manchen dieser Bereiche hinkt China dem Westen hinterher, und die Zufuhr privaten Kapitals könnte es dem Land erleichtern, den Rückstand aufzuholen oder gar in Führung zu gehen. Unternehmen mit überzeugenden innovativen Fähigkeiten bietet das STIB hervorragende Möglichkeiten der Finanzierung.

Gedeih oder Verderb?

Auch das Segment für Wissenschaft und Technologie ist nicht vor Schwierigkeiten gefeit. Besonders die Angst vor einem Boom mit anschließendem Platzen der Blase ist weit verbreitet. Wie die Vergangenheit zeigt, interessieren sich die chinesischen Anleger übermäßig für neue Börsen und Notierungen. Dies ist teilweise auf das Vertrauen in das Zulassungsverfahren für Börsengänge und auf den Glauben, dass die Bewertungsobergrenzen für die Zukunft mühelose Renditen gewährleisten, zurückzuführen. Der Markt ChiNext der Börse Shenzhen beispielsweise verzeichnete aufgrund der überschwänglichen Anlegerstimmung kurz nach seinem Einstand im Jahr 2009 einen sprunghaften Aufschwung, gab aber wieder nach, als das Interesse abflaute. Somit ist es nur verständlich, dass die Begeisterung der Märkte für das neue STIB auf Vorsicht stößt. Unserer Ansicht nach hat China Lehren aus der Vergangenheit gezogen und Maßnahmen ergriffen, um Blasen am neuen STIB zu vermeiden.

Worauf wir achten

In unserer Eigenschaft als Anleger mit einem fundamentalem Ansatz auf der Suche nach nachhaltigen Renditen werden wir mindestens zwei wichtige Faktoren im Blick behalten: die Qualität der notierten Unternehmen sowie deren Bewertungen. Denn eines steht fest: Vieles wird sich erst zeigen, wenn der Handel am neuen Marktsegment beginnt. Bis Ende April hatten 90 Unternehmen aus Bereichen wie moderne Ausrüstung oder Biomedizin die für die Notierung erforderlichen Prüfungen bestanden.[2] Bei den meisten Kandidaten handelt es sich nicht um bekannte Marktführer, was jedoch nicht überrascht, da solche meist schon gehandelt werden.

Insgesamt erwarten wir, dass die Aufsichtsbehörden auf die allgemeine Qualität der gelisteten Unternehmen achten werden – insbesondere kurzfristig, um das Vertrauen der Märkte in das neue Segment zu festigen. Die kurzfristigen Bewertungen am STIB werden möglicherweise deutlich schwanken.

Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass das STIB gut dafür geeignet ist, jungen Unternehmen die langfristige Entwicklung zu Branchenführern zu ermöglichen. Doch um diejenigen Unternehmen, die das entsprechende Potenzial besitzen, zu bestimmen, müssten die Anleger über umfassende Research-Fähigkeiten verfügen.

Insbesondere bei Unternehmen, die noch nicht lange bestehen oder deren Innovationen sich in einem frühen Stadium befindet, muss die Finanzanalyse von aktivem Research begleitet werden. Dazu gehören Besuche bei den Unternehmen sowie Zusammenkünfte mit Lieferanten, Aufsichtsbehörden und sonstigen wichtigen Beteiligten. Nur so lässt sich ein vollständiges Bild der Erfolgsaussichten zeichnen. Zudem sind Aktien solcher Unternehmen unter Umständen volatiler und weniger liquide, was Einfluss auf den Portfolioaufbau hätte. Wir werden uns wohl eher zurückhalten, bis wir hochwertige, aber am Markt fehlbewertete Unternehmen mit anhaltender Ertragskraft entdecken.

Alle an Bord?

Wir begrüßen die Einführung des Segments für Wissenschaft und Technologie. Wir betrachten diese Maßnahme als einen entscheidenden Schritt für die Neustrukturierung der chinesischen Wirtschaft und insbesondere für das ehrgeizige Vorhaben Chinas, bei Innovationen eine Führungsrolle zu übernehmen und technologisch vom Westen unabhängig zu werden. Das STIB wird den Unternehmen sicherlich mehr Auswahl an privaten Kapitalquellen bieten und die Kapitalmarktreformen unterstützen. Außerdem kann es eine wichtige Rolle für die Aufwertung der chinesischen Wirtschaftssektoren übernehmen, indem es inländischen Unternehmen aus Hochtechnologie- und forschungsintensiven Bereichen den Zugang zu Finanzierungsquellen eröffnet.

Allerdings halten wir es für notwendig, zwischen Makro- und Mikro-Themen zu unterscheiden. Auf der Suche nach nachhaltigen Renditen werden wir die Qualität der notierten Unternehmen sowie deren Bewertungen genau im Blick behalten.


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[1] Quellen: WIPO (2018). World Intellectual Property Indicators 2018. Genf: Weltorganisation für geistiges Eigentum; OECD (2019). Main Science and Technology Indicators, Band 2018 Ausgabe 2, Publishing, Paris.

[2] Quelle: Shanghai Stock Exchange, „Q&A on First Round of Inquiries and Replies for Sci-Tech Innovation Board“, 23. April 2019.

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