Investmentabenteuer in den Emerging Markets

Chinas Wachstumsschmerzen

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Viele halten China für den Motor der Weltkonjunktur. Sollte es zu einer Konjunkturabschwächung des Landes kommen fürchten sie, könnten wir alle dazu verdammt sein, in eine Rezession oder sogar Depression abzurutschen. Meiner Meinung nach ist es jedoch nicht an der Zeit, in Panik zu verfallen. Zugegeben, Chinas zweistelliges Wachstum der vergangenen Jahre ist zurückgegangen, aber verschiedene Konjunkturbeobachter gehen in diesem Jahr von einem BIP-Wachstum zwischen 7 bis 8% aus. Ich denke, es ist jedoch wichtig zu betonen, dass es sich dabei nach wie vor um ein beeindruckendes Wachstumstempo handelt. Zudem darf man eines nicht vergessen: China ist nicht die weltweit einzige Wirtschaftslokomotive.

Eine Wachstumsabschwächung ist ein normaler Bestandteil der Entwicklung eines Schwellenlandes – vor allem eines Landes mit der Größe Chinas und der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Zahllose Volkswirtschaften der Welt sind in diesem Jahr mit niedrigen Wachstumstendenzen konfrontiert. China macht zudem einem Strukturwandel durch, der häufig mit Nebenwirkungen und einigen Wachstumsschmerzen verbunden ist. Das Land bewegt sich auf ein Wirtschaftsmodell zu, das mehr auf den Konsum ausgerichtet ist und die Wirtschaftskontrollen lockert. All dies verlangt einige Anpassungen. Eine gute Nachricht für China im Hinblick auf diese inländischen Bestrebungen ist der Anstieg der Anlageinvestitionen im Verlauf der ersten Jahreshälfte. Sie lagen 20% über dem Niveau des Vorjahreszeitraums 2011.[1]

Chinas nachlassendes Wachstum hat auf den Märkten zweifelsohne Bedenken ausgelöst und dessen Börsen musste in diesem Jahr Rückschläge in Kauf nehmen. Die verstärkten Befürchtungen angesichts der jüngsten Konjunkturflaute des Landes überraschen nicht. Wir dürfen aber trotzdem nicht vergessen, dass es viele schnell wachsende Schwellen- und Grenzmärkte gibt, die sich weiterentwickeln und zum Weltwirtschaftswachstum beitragen. Die Weltwirtschaft ist keine einmotorige Angelegenheit. Afrika ist voraussichtlich nach Einschätzung des IWF der Kontinent mit dem schnellsten durchschnittlichen Wachstum der kommenden fünf Jahre. Und wenn Indien in der Lage ist, sich einer tief greifenden Reform zu unterziehen, besteht meines Erachtens dort das Potenzial, Wachstumsraten zu erreichen, die denen Chinas vor 5 bis 10 Jahren entsprachen.

Chinas politisches Instrumentarium

Wenn wir China als zentrales Element des globalen Wirtschaftswachstums ansehen, müssen wir auch die potenziellen Maßnahmen des Landes zur Vermeidung einer Konjunkturabschwächung berücksichtigen – und es verfügt meiner Meinung nach über viele Strategiewerkzeuge.

Die chinesische Regierung hob beispielsweise in den letzten Monaten Beschränkungen im Kreditgeschäft und für lokale Regierungsprojekte auf, die Zinssätze für Kredite und Einlagen wurden im Juni um 25 Basispunkte gesenkt und im Juli ein weiteres Mal für einjährige Kredite auf 6% und für Einlagen auf 3% reduziert. Die Schritte zur Bereitstellung von Finanzierungsmitteln für kleine und mittlere Unternehmen wurden vermehrt. Die Befürwortung der Regierung, Hochzinsanleihen von Unternehmen an der Börse Schanghais aufzulegen, war ebenfalls ein Novum. Dabei handelt es sich um einen wichtigen Schritt, der die Bereitschaft der Regierung unterstreicht, eine erhöhte Flexibilität der Zinsen zu erlauben. Die Wertpapierbranche expandierte in China mit zusätzlichen Börsennotierungen: Aktienoptionen, Futures-Kontrakte für Silber und möglicherweise Rohöl-Futures in Zukunft.

Der Staat führte außerdem Subventionen für den Kauf von energieeffizienten Autos und Haushaltsgeräten ein. Zudem hat er Infrastrukturprojekte und die Genehmigungen für den sozialen Wohnungsbau beschleunigt.

Diese Maßnahmen bilden lediglich einen Teil des Instrumentariums, mit dem der Staat die Konjunktur ankurbeln kann. Die Ergebnisse erzielen ggf. nicht dieselbe sofortige Wirkung wie andere Aktionen zur Konjunkturförderung in der Vergangenheit – z. B. die massive Erhöhung der Infrastrukturausgaben durch den Staat.

 China profitiert zudem von den höchsten Devisenreserven (über 3 Bio. US-Dollar) sowie der Kontrolle über wichtige Banken und Industrieorganisationen des Landes. Durch die hohen Devisenreserven konnte China aus den Entwicklungen Afrikas, Lateinamerikas sowie anderer Länder lernen und – viel wichtiger – China konnte einige wertvolle Vermögenswerte aufkaufen, von denen das Land künftig profitieren dürfte. Wie wir jüngst erfuhren, hat ein chinesisches Unternehmen eine anhängige Abmachung getroffen, die über den Kauf einer großen kanadischen Energie-Akquisition die Öl- und Erdgasversorgung stärken könnte. China hat zur Unterstützung der wachsenden Nachfrage beträchtlich im Ausland investiert, vor allem in natürliche Ressourcen.

Mögliche Risiken

China konnte die Liquidität erhöhen und die Konjunktur ankurbeln, weil es – wenigstens momentan – eine sinkende Inflationstendenz hat. Die Rate fiel im Juni auf 2,2%.[2] Die Löhne und Gehälter steigen allerdings und dem Land drohen potenziell steigende Lebensmittelpreise, wenn der amerikanische Sommer zu einer erheblich niedrigeren Ernte an Agrarerzeugnissen führt. Rund ein Drittel des Welthandels in Sojabohnen, Mais und Weizen stammt aus Amerika. China ist weltweit der größte Importeur von Sojabohnen, weshalb die Auswirkungen weite Kreise ziehen könnten. Schwellenländer reagieren sehr empfindlich auf Lebensmittelpreise, denn ein größerer Teil der Konsumausgaben entfällt generell auf Lebensmittel als in Industrieländern. Die Ölpreise sind ein weiterer Faktor, den man nicht aus den Augen verlieren darf. Wenn der Ölpreis erneut zunimmt, könnten die Auswirkungen auf die Inflation insgesamt beträchtlich sein.

Was könnte mir sonst noch Sorgen machen? Als langfristiger Anleger sehe ich mir das große Ganze an, weit hinaus über die kurzfristigen Statistiken. Chinas Regierung arbeitet mit einer Reihe von Fünfjahresplänen, um die Transformation der Volkswirtschaft herbeizuführen. Ich weiß nicht genau, wie alle Aspekte des letzten Plans bis 2015 (die 12. Richtlinie) umgesetzt werden und ob er insgesamt erfolgreich sein wird. Das Land muss bezüglich des Programms flexibel sein, damit bei der Umsetzung keine Fehler entstehen. Sie können den Plan selbst untersuchen und Ihre eigenen Schlüsse ziehen, aber die diversen Ziele umfassen die oben erwähnte Transformation zu einem konsumorientierten Wirtschaftsmodell, Gehaltserhöhungen, Steuerreform und diversen „grünen“ Initiativen.[3]

Wertpotenzial in China

Wir haben als Value-Investoren, die durch Angst bedingten Rückschläge der Märkte als potenzielle Möglichkeiten angesehen, um günstige Gelegenheiten am Markt wahrzunehmen und die Kurs-Gewinn-Verhältnisse sind nach unserem Dafürhalten derzeit Erfolg versprechend. Konsum- und Rohstofftitel sind von besonderem Interesse, denn die Transformation zu einer konsumorientierten Volkswirtschaft sollte nach unserer Einschätzung diese Sektoren unterstützen. Ich bin zuversichtlich, dass die Transformation von Erfolg gekrönt sein wird, und glaube, China könnte weiterhin auf dem Vormarsch sein.


[1] Quelle: National Bureau of Statistics of the People’s Republic of China. Stats.gov.cn

[2] Quelle: National Bureau of Statistics of the People’s Republic of China. Stats.gov.cn

[3] Quelle: People’s Republic of China, gov.cn.

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