Investmentabenteuer in den Emerging Markets

Europas aufstrebende Nationen

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Die Medien sind derzeit stark fixiert auf die schwer geprüfte Eurozone. Doch gibt es eine Story, die oft übersehen wird:  Sie kommt aus einigen europäischen Schwellenländern – und diese finde ich um einiges interessanter. Während viele europäische Industrieländer nach wie vor mit haushaltspolitischen Problemen kämpfen, haben zahlreiche europäische Schwellenländer diese längst ad acta gelegt. Einige europäische Schwellenländer verdienen es, eine größere Rolle in der „europäischen Story“ zu spielen. Meiner Meinung nach bieten sie überzeugende Anlagechancen zu attraktiven Bewertungen.

Viele Investoren setzen europäische Schwellenländer mit Osteuropa gleich. Ich verstehe unter europäischen Schwellenländern die ehemaligen kommunistischen Länder Europas einschließlich der Türkei. Wenn wir uns diese Region ansehen, schließt das auch Österreich ein, da zahlreiche österreichische Unternehmen Absatzmärkte oder Betriebe in osteuropäischen Ländern haben.

Genauer gesagt konzentrieren wir uns bei den europäischen Schwellenländern auf Russland und die drei zentral- oder osteuropäischen Länder („CE3“)  Polen, Tschechien und Ungarn. Wir werten zudem die Anlagechancen in Rumänien, der Türkei und der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) – dem ehemaligen sowjetischen Block – sowie kleineren Ländern wie Bulgarien, Kroatien, Serbien, Lettland, Litauen und Estland aus. Einige von ihnen bezeichnet man auch als Grenzmärkte. Selbstverständlich muss sich jedes dieser Länder mit spezifischen Herausforderungen und Risiken auseinandersetzen. Jedes Land besitzt aber auch Stärken und die sehen von der langfristigen Anlageperspektive Erfolg versprechend aus.

Mark Mobius in Ungarn

Eine davon ist generell die niedrigere Verschuldung als die vieler ihrer westlichen Nachbarn. In den Schlüsselländern – Russland, die Türkei, Polen und Tschechien – liegt die Verschuldungsquote zum BIP unter 60%.[1] Die Verschuldung der Privathaushalte mit Krediten zum BIP ist mit 50% im Durchschnitt auch niedriger[2], verglichen mit über 100% in vielen Industrieländern.

Polen, Ungarn und Tschechien verfügen über eine vergleichsweise hoch entwickelte Infrastruktur und eine gut ausgebildete Erwerbsbevölkerung, die Fremdsprachen spricht. Für ausländische Unternehmen mit hohen Arbeitskosten, die die Produktionseinrichtungen und Shared-Service-Centers verlagern wollen, sind diese Länder interessant. Polen war in der Tat das einzige Land Europas, das der Rezession im Zuge der Finanzkrise von 2008-2009 entkam. Die Volkswirtschaft des Landes besitzt meines Erachtens aufgrund der verbesserten Infrastruktur, Corporate Governance und den bürokratischen Reformen langfristiges Wachstumspotenzial. Natürlich hatte auch Polen seine Probleme. Einige polnische Banken engagierten sich im auf Fremdwährung lautenden Hypothekengeschäft, was bei großer Währungsschwäche zu Stress im System führen kann (und geführt hat). Der polnische Bankensektor hat diese Probleme abgearbeitet und einige Risiken vermindert. Die Gewinne der Banken sind in diesem Jahr wegen der derzeitigen Herausforderung zwar etwas rückläufig, aber der Sektor erscheint uns generell stabil.

Als Bottom-Up-Investor versuchen wir, das potenzielle Risiko-/Ertragsprofil von jedem Unternehmen in jedem Land individuell zu bewerten. Somit investieren wir nur in solche Länder, von denen wir glauben, dass sie über das größte langfristige Potenzial verfügen. Unser Team profitiert von der lokalen Präsenz und einem gut etablierten Researchprozess, mit dessen Hilfe wir Opportunitäten in einem Spektrum von Marktkapitalisierungen in zahlreichen Ländern der Region erschließen.

 Die Auswirkungen der Eurokrise sind unterschiedlich gelagert

Die europäischen Schwellenländer waren natürlich gegen die Krise in der Eurozone nicht völlig immun. Doch die Auswirkungen unterscheiden sich von Land zu Land. Die CE3-Länder sind nach wie vor stark auf die Exporte nach Westeuropa angewiesen – Polen am wenigsten, Ungarn am meisten. Deutschland ist Polens, Ungarns und Tschechiens größter Handelspartner. Daher sollten diese Länder von der verhältnismäßig guten deutschen konjunkturellen Entwicklung profitieren – solange sie anhält. In Polen, Tschechien und Ungarn suchen wir zwar weiter nach einzelnen nach unserer Ansicht unterbewerteten Unternehmen, betrachten die im Vergleich höhere Exportabhängigkeit ihrer Wirtschaft von der Eurozone aber skeptisch.

Aus Kapitalbedarf veräußern viele westeuropäische Banken zahlreiche der früheren Akquisitionen in Osteuropa. Viele Einzelpersonen und Unternehmen in den Schwellenmärkten, u. a. auch in europäischen Schwellenländern, kaufen sie wieder auf. China und Russland sind diesbezüglich sehr engagiert. Daher zeichnet sich eine Transformation in Osteuropa ab, wie Investitionen getätigt werden.

Eine interessante Beobachtung: Banken aus europäischen Schwellenländern sind in den PIIGS-Staaten (Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien) nicht maßgeblich engagiert. Doch die Banken dieser PIIGS-Staaten haben einige Tochtergesellschaften in Osteuropa. Manche Banken in europäischen Schwellenländern haben allerdings in beträchtlichem Umfang Fremdwährungskredite (z. B. in CHF, EUR) an Privatkunden vergeben. Diese Kreditgeschäfte waren vor allem in Ungarn und Polen beliebt. Wenn also die Lokalwährung aufgrund von Problemen in Westeuropa abgewertet wird, dürften sich notleidende Kredite in europäischen Schwellenländern erhöhen.

Eine weitere Sorge ist die Skepsis vieler Industrieunternehmen in europäischen Schwellenländern, denn sie ziehen Bargeldbestände vor anstatt neue Investitionsprojekte in Angriff zu nehmen. Infolge der Probleme in Europa ist die Erwartungshaltung für solche Projekte gering.

Die angeschlagene Haushaltslage vieler westeuropäischer Länder verminderte den Geldzufluss nach Osteuropa. Doch diese Länder beobachten, was in Westeuropa passiert und viele beschleunigen die Reformbemühungen, um die eigene Konjunktur anzukurbeln. Ich halte das für positiv, weil dies wahrscheinlich zu mehr Privatisierungen führt. Die Unternehmen, die zum Teil im Staatsbesitz sind und notiert werden, dürften Reformen schneller durchführen, als es sonst in einem weniger durch Herausforderungen geprägten Umfeld üblich ist.

Zur Verbesserung der Haushaltslage hat die polnische Regierung beispielsweise ein Privatisierungsprogramm beschlossen. Demnach soll der Staatsbesitz in einigen der größten notierten Unternehmen (vorwiegend der Sektor Finanzen und Versorger) reduziert sowie mehrere Staatsunternehmen privatisiert und an der Börse zugelassen werden. Dadurch wird sich nach meiner Überzeugung die Effizienz steigern und die internationale Wettbewerbsfähigkeit dieser Unternehmen erhöhen. Man beobachtete zudem die Ereignisse der westeuropäischen Finanzbranche und die lokalen Finanzaufsichten der europäischen Schwellenländer versuchten, eine ähnliche Situation zu vermeiden. Sie haben deshalb strengere und konservativere Kreditvergaberichtlinien und Kapitalanforderungen erlassen. Das polnische Bankensystem ist beispielsweise verhältnismäßig gut kapitalisiert und gesund.

Auf Schwellenländer, auch europäische, entfällt ein wachsender Anteil an der globalen Aktienmarktkapitalisierung. Selbst wenn das generelle Wachstum etwas geringer als in den vergangenen Jahren ausfällt, dürfte das Gros dieser Volkswirtschaften in diesem Jahr dennoch schneller zulegen als die meisten Industrieländer. Angesichts der generell gesünderen Haushaltslage, den wertvollen Ressourcen und dem Ideenreichtum, bin ich – trotz der Probleme der Eurozone, die die Schlagzeilen beherrschen –  der Ansicht, dass Investoren europäische Schwellenländer genauer anschauen sollten.



[1] Quelle:  CIA World Factbook, 2011. Verschuldungsquote zum BIP. Russland 8,7%; die Türkei 42,4%; Polen 56,7%; Tschechien 40,7%

[2] Quelle: Die Weltbank, 2011. Inlandskredit zur Privathaushaltsverschuldung in Prozent zum BIP. Russland 45,9%; die Türkei 50,1%; Polen 54,9%; Tschechien 55,8%

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