Investmentabenteuer in den Emerging Markets

Die russische Evolution

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In Bezug auf Russland möchte man fast sagen „aus Alt mach Neu“, denn nach vierjähriger Unterbrechung wird Wladimir Putin wieder Präsident – eine interessante landespolitische Entwicklung. Meines Erachtens hat sich das Land aber auch als Anlageziel in den letzten 20 Jahren stark weiterentwickelt und bietet großes Potenzial, wenngleich in Bezug auf Marktöffnung und Anlegervertrauen noch einiges zu tun bleibt. 

Flächenmäßig ist Russland (mit 17 Millionen Quadratkilometern) das größte Land der Welt.[1] Es erstreckt sich über neun Zeitzonen und kann mit einer ereignisreichen langen Geschichte aufwarten, mit üppigen Bodenschätzen und einer belastbaren, gut ausgebildeten Bevölkerung. Die Alphabetisierungsquote liegt nahe 100%. Über 8 Millionen Menschen besuchen mehr als 1.000 weiterführende Bildungsstätten.[2] Russland stand oft im Zeichen seines rauen Klimas. Seine Wirtschaft hat in der Vergangenheit ebenfalls Unbilden überstanden. Die Geschichtsstunde überlasse ich den Lehrbüchern, doch aus wirtschaftlicher Sicht waren die letzten 20 Jahre von Wachstums- und Krisenphasen geprägt, die immer wieder zu Fort- und Rückschritten führten.

Politische Fehlgriffe sind zwar unschwer konstatierbar, doch ich sehe durchaus Gründe für Zuversicht im Hinblick auf Russlands Wirtschaft und Finanzen. Im ersten Quartal 2012 wies Russland als einziges der BRIC-Länder (der Schwellenmärkte Brasilien, Russland, Indien und China) höheres BIP-Wachstum als im Vorquartal aus (4,9% gegenüber 4,8%). Außerdem ist seine Wirtschaft beneidenswert niedrig verschuldet. Die Verschuldungsquote betrug 2011 8,7%[3], die inländische Kreditaufnahme in Prozent des BIP 45,9%.[4] Ferner hält das Land 500 Mrd. US-Dollar an Devisenreserven und ist weltweit der größte Produzent vieler Rohstoffe, darunter Energieträger und Edelmetalle.

Russlands Wirtschaft könnte in ihr nächstes Entwicklungsstadium eintreten, denn das Land ist gerade 156. Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO) geworden. Kurzfristig dürfte es zu Anpassungen kommen (so könnten bestimmte Branchen unter der Abschaffung von Zöllen und Subventionen leiden). Langfristig könnte das Wachstumspotenzial des Handels, der ausländischen Investitionen und der Wirtschaft dadurch aber gestützt werden. Nach Schätzungen der Weltbank könnte das russische BIP bis einschließlich 2020 durch den WTO-Beitritt 11% höher ausfallen als ohne diesen Schritt. Vielleicht profitieren die Menschen dadurch von höheren Löhnen und einem besseren Lebensstandard.

Die russische Wirtschaft in den Fesseln des Öls

Energie ist für Russland natürlich ein ganz wichtiges Thema, denn auf diesen Sektor entfallen rund drei Viertel des Exports. Russland ist mit über 10 Millionen Barrel am Tag weltweit der größte Rohölproduzent – mit einem Anteil am globalen Angebot von rund 12%. [1] Außerdem befinden sich dort die größten Erdgas- und die zweitgrößten Kohlevorkommen der Welt. Energieunternehmen stellen daher einen großen Teil des russischen Marktes dar. Zu den wichtigsten Exportzielen gehören die Europäische Union (die fast die Hälfte der russischen Ölexporte abnimmt), China und die Türkei. Putin hat zwar zugesagt, die russische Wirtschaft zu diversifizieren und die Abhängigkeit des Haushalts von Öleinnahmen zu verringern, doch bislang steht und fällt Russlands Zukunft mehr oder minder mit den Ölpreisen. Schwanken diese, führt das unwillkürlich zu Volatilität auf dem russischen Aktienmarkt.

Doch ebenso wie höhere Preise Ölgesellschaften nicht unbedingt guttun, schaden ihnen niedrige Preise nicht notgedrungen. Bei anziehenden Ölpreisen werden russische Ölunternehmen häufig durch höhere Steuern belastet. Die Unternehmen ziehen eine gleichmäßige Preisentwicklung oder vielleicht einen leichten Aufwärtstrend starken Fluktuationen vor, die schwerer einzuplanen und zu kontern sind. Wir interessieren uns für Chancen im gesamten Energiesektor, unter anderem bei Explorations-, Produktions-, Raffinerie- und Vermarktungsunternehmen.

Turbulenzen in Europa (und die Aussicht, dass das Wachstum in diesem Jahr auch anderswo schwächer wird) trugen im Frühjahr und Sommer zum Rückgang der Ölpreise bei. Einen dramatischen Preissturz erwartet unser Team aber nicht. Viele russische Unternehmen konnten ungeachtet der Einbrüche florieren, weil die Kosten der Rohstoffproduktion so niedrig sind, dass die Unternehmen trotzdem rentabel arbeiteten. In die Notierungen russischer Ölgesellschaften könnte ein Worst-Case-Szenario für den Ölpreis unseres Erachtens bereits eingeflossen sein. Wenn es natürlich in Europa oder den USA zu einer schweren Depression käme, hätte das vermutlich negative Effekte – auf Öl ebenso wie auf andere Rohstoffe. Damit rechnen wir aber auf kürzere Sicht nicht.

Längerfristig halten wir eher ein Anziehen der Rohstoffpreisinflation für möglich, da Zentralbanken in aller Welt ihre Währungspolitik gelockert haben, um für Wachstum und Liquidität zu sorgen. Das könnte dem russischen Markt sehr entgegenkommen, solange die Inflation nicht außer Kontrolle gerät.

Der russische Aktienmarkt und das Investitionsklima

Anfang der 1990er Jahre funktionierte der russische Aktienmarkt noch sehr primitiv. Der Handel begann gegen 15 Uhr. Dann fuhr ein Wagen vor der Börse vor, der jede Menge Bargeld transportierte. Die Makler saßen an langen Tischen und warteten auf Arbeiter und Bürger, die Gutscheine erhalten hatten, die sie gegen Aktien frisch privatisierter russischer Unternehmen eintauschen konnten, und diese an der Börse verkaufen wollten. Gegen 18 Uhr kam der Wagen zurück und holte die Gutscheine, die die Makler im Regelfall günstig erworben hatten.

Für uns als Investoren war das dortige Umfeld äußerst instabil. Oft hieß es: „Habt Vertrauen.“ Viel Grundlage dafür gab es nicht. Hinzu kam, dass der Umsatz bei den meisten russischen Aktien so gering war, dass wir auf die Ausführung von Transaktionen Tage oder gar Wochen warten mussten. Heute ist das ganz anders! Über eine elektronische Plattform ermöglichen die gerade fusionierten Akteure Moscow Interbank Currency Exchange (MICEX) und Russian Trading System (RTS) Exchange rund um die Uhr den Handel mit einer umfassenden Palette von Aktien-, Options- und Rohstoff-Futures-Produkten. Das jährliche Handelsvolumen der MICEX-RTS überstieg 2011 10 Bio. US-Dollar.

In der ersten Jahreshälfte 2012 litt der russische Markt unter negativer Anlegerstimmung. Aus dem Westen wurde viel Kapital abgezogen und auch heimische Investoren verloren das Vertrauen. Problematisch ist, dass niemand weiß, was eine neue Amtszeit Putins als Präsident für das Land bedeutet. Manche meinen, die Regierung Putin wird das Wachstum des privaten Sektors bremsen und auf eine noch stärkere staatliche Kontrolle der Wirtschaft hinarbeiten. Andere sprechen dagegen von einer Förderung ausländischer Investitionen über verschiedene staatliche Mechanismen. Wer Recht hat, wird sich zeigen.

Als wertorientierte Investoren konnten wir im Zuge der Entwicklung Aktien zu Schnäppchenpreisen erwerben. Unseres Erachtens gehört Russland mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des Marktes von rund 5 im ersten Halbjahr aus Bewertungssicht zu den reizvollsten Schwellenmärkten Europas.[2] Um mehr ausländisches Kapital anzulocken und Vertrauen zu bilden, kündigte die MICEX-RTS Reformen für neue Notierungen an wie Quartalsberichte in englischer Sprache und Ausrichtung auf einen traditionelleren Wertpapier- und Bargeldabrechnungsprozess für Handelsgeschäfte.

Als Investoren suchen wir nicht nur im Energiesektor nach Chancen, sondern auch in Bereichen wie Konsumgüter, private Dienstleistungen und Frachtverkehr. Der Schienengüterverkehr ist ein Segment, das nicht zuletzt durch steigende Verbrauchernachfrage, potenzielle makroökonomische Verbesserungen weltweit und den Ausbau des russischen Potenzials für den Transport von Europa nach Asien wachsen sollte. Verstärkte Privatisierungsinitiativen in diesem und anderen Bereichen sollten in Russland investitionsfördernd wirken. Russlands Bestrebungen, außerhalb Moskaus ein geplantes High-Tech-Zentrum zu bauen (wie das „Silicon Valley“ in den USA) ist ebenfalls ein interessantes Vorhaben, das es im Auge zu behalten gilt.

Doch was die Zukunft auch bringt, Russland und das russische Volk haben sich wieder und wieder unverwüstlich gezeigt. Ich sehe dem nächsten Stadium der russischen Wirtschaftsentwicklung erwartungsvoll entgegen.


[1] Quelle: US-Außenministerium, März 2012.

[2] Quelle: US-Außenministerium, Schätzwert von 2008.

3 Quelle: CIA World FactBook, 2011.

4 Quelle: Weltbank, „Domestic Credit to Private Sector % of GDP.“ 2011.

5 Quelle: US-Energiebehörde.

6 Quelle: Bloomberg.

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