Investmentabenteuer in den Emerging Markets

Stehen die BRIC-Länder vor einer harten Landung?

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In der ersten Hälfte des Jahres 2012 hat sich der weltweite Trend des nachlassenden Wirtschaftswachstums auf die BRIC-Länder Brasilien, Russland, Indien und China ausgewirkt. Ich denke jedoch nicht, dass den BRIC-Volkswirtschaften eine harte Landung bevorsteht. Während einige Marktteilnehmer ungeduldig auf weitere staatliche Anreizpakete gewartet haben, überlegen sich andere, ob sich nicht ein grundsätzlicher Wandel vollzieht, der kaum durch den Staat lenkbar ist. Eine Theorie, die kursiert, ist das Konzept der „Falle des mittleren Einkommens“. Die Prämisse lautet: Für Schwellenländer kann es schwierig sein, hohe Pro-Kopf-Wachstumsraten über einen bestimmten Punkt hinweg beizubehalten. Der Grund: Die durch Technologie, niedrige Löhne und leichte Produktionszuwächse bedingten Vorzüge sind ausgeschöpft, ehe eine Bildung von technologischer Substanz einen Übergang zu gestiegenen Gehältern und einem Wirtschaftsmodell mit höherer Produktivität zulässt. Unser Team ist nicht überzeugt, dass dieses Argument für die BRIC-Volkswirtschaften oder die Schwellenmärkte insgesamt zutrifft.

China

Die Abnahme von Chinas Wachstumsrate war nach unserer Einschätzung fast unvermeidbar, denn die Größe der Arbeiterschaft des Landes hat anscheinend einen Höhepunkt erreicht und die Umstellung von Land- zu Industriearbeit hat sich verlangsamt. Deshalb sind für uns in diesem Zusammenhang die jährlichen Wachstumsvorhersagen von ca. 7% – anstatt von durchschnittlich 10% in den vergangenen Jahren – völlig normal. Im „staatlichen Arbeitsbericht“, den der chinesische Premierminister Wen Jiabao dem nationalen Volkskongress im März vorlegte, prognostizierte er eine Wachstumsrate von 7,5% für 2012. Unseres Erachtens könnte dies eine konservative Prognose sein.

Die Politik des Staates wendet sich ab von staatlich gelenktem, exportgeführtem und arbeitsintensivem Wachstum zu einem Wirtschaftsmodell, das internen Verbrauch, technologische Stärke und Unternehmenserfahrung in den Vordergrund stellt. Sowohl Angebot als auch Nachfrage dürften diesen Wandel vorantreiben: Die beträchtlichen Investitionen in die Hochschulbildung haben den Pool qualifizierter Arbeitnehmer vergrößert und die Nachfrage der an Größe und Wohlstand ständig wachsenden chinesischen Mittelklasse nimmt zu. In China ist die Verschuldung der Verbraucher inklusive Hypotheken gering. Außerhalb des oberen Segments des Wohnimmobilienmarktes der bedeutenden Städte wird es nach unserem Dafürhalten nicht zu einem Überangebot an Objekten kommen, die einen Preisverfall verursachen. Daher glauben wir, dass sich China wie Südkorea, Taiwan, Hongkong und Japan entwickelt und der „Falle des mittleren Einkommens“ entgeht.

Chinas Führungsspitze wird bald abgelöst. Es wird interessant sein, zu sehen, wie der neue Führungsstab den Strukturwandel umsetzt und den Status als weltweiter Wachstumsführer aufrechterhält.

Indien

Im Gegensatz zu China hat die mit Problemen belastete Regierung Indiens sich bei der Umsetzung der erforderlichen Investitions- und Infrastrukturprojekte schwer getan. Zudem haben zahlreiche populistische und wirtschaftsfeindliche Initiativen das Vertrauen der Investoren in den vergangenen Monaten untergraben. Des Weiteren gaben die Maßnahmen zur Ankurbelung des Konsums Anlass zur Sorge, denn sie könnten die Investitionen des Privatsektors abdrängen und zu Zahlungsbilanzdefiziten führen. In diesem Sommer drohten mehrere internationale Ratingagenturen Indiens Bonität auf quasi Junk-Status herabzustufen. Doch die indischen Staatslenker überzeugten mit guten Nachrichten, die gut aufgenommen wurden.

Mitte September kündigte die Regierung weitreichende Reformen an: Dazu gehören der Verkauf der Beteiligung an fünf Unternehmen, eine Abkehr von Subventionen und die Öffnung von ausländischen Direktinvestitionen für Strombörsen, Rundfunkmedien – die nicht in die Kategorie Nachrichtendienst fallen –, den Einzelhandel und die Luftfahrtindustrie.

Indiens Zentralbank unterstützte diese Schritte durch die Senkung des Mindestreservesatzes von 4,75% auf 4,5%. Zweifelsohne könnten weitere Reformmaßnahmen eingeleitet werden, aber ich denke, dass die vom indischen Staat und der Zentralbank ergriffenen positiven Schritte die Zuversicht der Investoren wiederherstellen sollten. Außerdem könnten sie potenziell die Weichen für besseres künftiges Wachstum stellen.

Trotz der Hindernisse hat Indiens Volkswirtschaft ihr Geschick zur Wachstumsgenerierung in den letzten Jahren bewiesen, ohne große Investitionen und mit einem weit besseren Verhältnis zwischen Wachstum und Investitionsausgaben als China. Im Gegensatz zu China kann die berufstätige Bevölkerung Indiens im kommenden Jahrzehnt kräftiges Wachstum erwarten. Des Weiteren ist die Reserve an Arbeitskräften unter der Landbevölkerung groß. Unserer Meinung nach sollten die Hindernisse, die einem kontinuierlichen Wachstum im Wege stehen, überwindbar sein, vorausgesetzt, es besteht der politische Wille – und genau aus diesem Grund sind wir vom Wachstumspotenzial der Wirtschaft überzeugt.

Russland

Wie China dürfte auch Russland eine Abnahme der Bevölkerung im berufstätigen Alter erleben. Aber wir meinen, Russlands Mittelklasse könnte ebenfalls aufgrund von Wohlstand durch Rohstoffexporte wachsen, was sich auf die Volkswirtschaft auswirken könnte. Unternehmen, die Konsumgüter und Dienstleistungen in diesem wachsenden Markt anbieten, haben anscheinend das Potenzial, davon zu profitieren. Russlands Finanzstrukturen sind unterentwickelt, die Verschuldung der Verbraucher ist generell gering und das jüngste Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) war kräftig.[1] Die große Abhängigkeit von der Öl- und Gasbranche könnte ein Risikofaktor sein. Der Großteil der russischen Exporte entfällt auf Öl und bestreitet somit einen beträchtlichen Anteil der Einnahmen des Bundeshaushalts. Ein rapider Absturz des Ölpreises dürfte unseres Erachtens über den kurz- und mittelfristigen Zeitraum unwahrscheinlich sein. Darüber hinaus kündigte die Regierung unlängst ehrgeizige Wirtschaftsreformen an, um gegen die Abhängigkeit des Landes von Rohstoffexporten anzugehen. Der Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisation könnte ein ähnlicher Katalysator für Wachstum sein, wie er im Fall von China nach 2001 war. (In meinem neuesten Blog-Beitrag erfahren Sie Wissenswertes in meiner Einschätzung über Russland: „Die russische Evolution“)

Brasilien

Von den vier BRIC-Volkswirtschaften gibt unserer Ansicht nach Brasilien vielleicht am meisten Grund zur Sorge. Das BIP-Wachstum des Landes lag in den vergangenen Jahren unter dem von Indien und China.[2] Die populistische und interventionistische Tradition des Staates hat zu ungewöhnlich hohen Steuern, einem relativ hohen Mindestgehalt, verglichen mit ähnlichen Ländern und potenziell belastenden Renten- und Leistungsbezügen für Beamte geführt. Die Nationalpolitik in einigen Schlüsselbranchen, insbesondere im Energiesektor, verlangsamt und erschwert Investitionsprogramme. Auch ist das Land anfälliger als andere BRIC-Länder gegenüber Preis- und Nachfrage-Schwankungen bei Rohstoffen – ein Bereich, der das vergangene Wachstum finanzierte. Nach unserer Ansicht wird es bei Rohstoffen kurzfristig keine Preiseinbußen geben, die eine langfristige Abschwächung verursachen würden. Das Wirtschaftswachstum mehrerer Schwellenländer dürfte die kontinuierliche Nachfrage unterstützen. Die Regierung ist zudem dazu übergegangen, sich einigen Herausforderungen zu stellen, insbesondere mit Maßnahmen zur Kostendämpfung der Ruhegehälter von Staatsbediensteten, und es gibt Hinweise für ein erneutes Interesse an Privatisierungen. Zwischenzeitlich könnte unserer Einschätzung nach der Inlandskonsum steigen, gestützt durch eine junge und dynamische, arbeitende Bevölkerung, was eine graduelle Diversifikation der Volkswirtschaft vorantreibt.

Von den BRIC- zu den CIVETS-Ländern

Die BRIC-Länder machen keineswegs die Gesamtheit der Schwellenmärkte aus. Hinter ihnen steht eine Schar neuer Volkswirtschaften, die dem Beispiel der BRIC folgen. „CIVETS“ ist ein neues Akronym in den Kreisen der Schwellenländer und ist eine englische Abkürzung für die Länder Kolumbien, Indonesien, Vietnam, Ägypten, die Türkei und Südafrika. Alle verfügen gemeinsam über unterschiedliche Kombinationen aus jungen, preiswerten Arbeitskräften und reichen Rohstoffvorkommen in dem Bestreben um ein rasches Wirtschaftswachstum. Wir denken, viele andere Nationen in Afrika gehören zu den weltweit am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften und haben Potenzial.

Diese CIVETS-Volkswirtschaften könnten potenziell ein Wachstumsdefizit ausgleichen, das in den Schwellenmärkten insgesamt mit dem BRIC-Reifeprozess auftreten könnte. Und durch die Bereitstellung von Ressourcen und die Belieferung von neuen Märkten könnten sie auch hilfreich sein, den Auswirkungen der etablierteren Schwellenländer-Volkswirtschaften durch ein Nachlassen von Wachstum und Nachfrage der Industriestaaten entgegenzuwirken.

Aus diesen Gründen meinen wird, werden die BRIC-Länder keine harte Landung des Wachstums erleben. Doch wenn die Schwellenmärkte generell in den kommenden Jahren weiterhin kräftiges Wirtschaftswachstum erzeugen, werden die BRIC-Länder einige Hürden überwinden müssen.



[1] Bloomberg, August 2012. „Russia’s Economy Expanded 4% in Second Quarter, Slowest in Year.“

[2] Quelle: Weltbank. BIP-Wachstum (jährlich %) 2009-2011.

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