Investmentabenteuer in den Emerging Markets

Ägyptens „Arabischer Winter“

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Fast zwei Jahre ist es her, dass der „Arabische Frühling“ in Nordafrika und im Nahen Osten einen Umbruch auslöste und große Hoffnungen auf Veränderungen weckte. Doch manchmal nimmt der Wandel mehr Zeit in Anspruch, als den Menschen lieb ist, und oftmals verläuft er ungeordnet.  Für Ägypten trifft das derzeit sicherlich zu – ein Land, das noch dabei ist, seine Zukunft zu gestalten. Die Absetzung Hosni Mubaraks 2011 hat Ägypten nicht von jetzt auf dann in ein demokratisches Musterland verwandelt. Zurzeit versucht es, über öffentliche Debatten, Proteste und den Wahlprozess den besten Weg vorwärts zu finden. Dennoch beurteile ich das Potenzial des Landes nach wie vor zuversichtlich und suche dort weiterhin nach Anlagechancen.

Mark Mobius auf dem Tahrir Platz

Auf meiner letzten Ägyptenreise Anfang Dezember kam ich in Kairo an, als Präsident Mohammed Mursi ein paar Tage zuvor angekündigt hatte, er werde im Wege einer neuen ägyptischen Verfassung diktatorische Macht übernehmen.  Es war Wochenende, und mein Team und ich wurden einer privaten Kunsthändlerin vorgestellt, die mit ihrer Mutter in einer Wohnung ohne Fahrstuhl an einer verkehrsreichen Innenstadtstraße lebte. Wir wollten ihre Privatsammlung sehen. Die junge Frau und ihre Mutter gehörten der kultivierten westlich orientierten ägyptischen Klasse an, galten aber nicht als vermögend – abgesehen von den exquisiten Kunstwerken an den Wänden ihrer Wohnung. Die Kunsthändlerin wollte zum Tahrir-Platz, dem „Platz der Freiheit“, an dem knapp zwei Jahre zuvor der große „Tag der Revolution“ und die anschließenden Demonstrationen stattgefunden hatten. Ich fragte, was sie dort hinführe.  Sie sagte, sie wolle auf diese Art ihre Unterstützung für die Menschen demonstrieren, die gegen die Beschneidung der Freiheit und die Untergrabung der hart erkämpften demokratischen Reformen durch die neue Regierung protestierten. Sie lud uns ein, sie zu begleiten. Wir verabredeten uns für eine Stunde später.

Als wir zum Tahrir-Platz kamen, waren die Einmündungen der Straßen mit Stacheldraht abgesperrt und Wachleute in Zivil ließen sich als Sicherheitsmaßnahme Ausweise oder Pässe zeigen.  Auf dem Platz erlebten wir eine Volksfestatmosphäre. Straßenhändler boten Obst, Tee und andere Waren feil. Wir waren ziemlich perplex, denn wir hatten Unruhe und chaotische Zustände erwartet. Davon war aber keine Rede – zumindest nicht während unseres Aufenthalts.

Geschäfts- und Privatleben 

Am nächsten Tag besuchten wir die ersten Unternehmen und stellten fest, dass die Geschäfte in Ägypten aus unserer Sicht ganz normal liefen. Wir suchten eine Pharmafirma auf, die mit voller Kapazität arbeitete. Ein Kraftfahrzeugmontagewerk lief ebenfalls rund, und der neue Geschäftsführer berichtete uns von Expansionsplänen. Auf den Straßen herrschte so reger Verkehr wie bei unseren früheren Besuchen in Kairo. Dass heißt nicht, dass es um Ägypten nicht schon schlimmer stand oder das keine Konflikte mehr aufflackern werden. Doch aus meiner Perspektive wirkte die Lage ziemlich friedlich.

Mir fiel aber auf, dass deutlich weniger Touristen unterwegs waren. Das berühmte Ägyptische Museum gleich am Tahrir-Platz präsentierte sich uns ganz anders als bei früheren Besuchen. Diese Attraktion war immer überlaufen gewesen, doch diesmal waren außer uns nur eine Handvoll Touristen gekommen. Das könnte Ägyptens Wirtschaft natürlich schaden, denn der Tourismus ist eine Haupteinnahmequelle und hat einen starken Multiplikatoreffekt, der bis in einkommensschwächere Gruppen hineinwirkt.  Ein drastischer Einbruch könnte unvorhergesehene Folgen haben. 

Uns hat der Besuch meines Erachtens viel gelehrt. Internationale Schlagzeilen über Chaos und Gewalt geben nicht unbedingt wieder, was in einer Gesellschaft in all ihren Teilbereichen vor sich geht.  Der „Arabische Frühling“ ist noch nicht vorüber. Im ganzen Nahen Osten und in Nordafrika vollziehen sich bahnbrechende Veränderungen – ein neuer „Arabischer Winter“ sozusagen. Das wichtigste gemeinsame Element in der Geschichte der Revolutionen entstammt wirtschaftlichem Elend, allen voran einer Mischung aus Arbeitslosigkeit und Inflation, die Menschen zu extremem Verhalten treibt, weil sie in ihren Augen „nichts zu verlieren“ haben. Hat sich erst Druck aufbaut, genügt ein Funke, um flächendeckend Unruhen auszulösen. Beim Arabischen Frühling war es die Selbstverbrennung eines jungen Obstverkäufers in Tunesien gewesen, der gegen willkürliche Ungerechtigkeit und Chancenlosigkeit protestierte. Mit einer gemeinsamen Sprache in ganz Nordafrika und dem Nahen Osten und durch den Einzug von Internet und Mobilfunk kann eine junge und ehrgeizige Bevölkerung ihre Wünsche und Enttäuschungen leichter kommunizieren. Demonstrationen und Proteste sind heute eher möglich, und genau das beobachten wir derzeit in Ägypten und anderen Ländern.

Die Geburtenrate in der arabischen Welt ist hoch. Etwa 60% der Bevölkerung sind unter 30. [1] Angesichts dessen schätzen manche Wirtschaftsexperten, dass Ägypten im Jahr 6% Wachstum erzielen muss, um nur den wirtschaftlichen Status quo beizubehalten. Wenn die Bürger jung sind, und die Arbeitslosigkeit hoch, steht die politische Führung stärker unter Druck, rasch für Arbeitsplätze zu sorgen und die Inflation zu senken. Wie ich es sehe, stellen Förderung und Anreize für Investitionen aus dem In- und Ausland eine der besten Methoden dar, um Wirtschaftswachstum und Wohlstand anzustreben. Ein solides und unternehmensfreundliches Umfeld ist der Weg in die Zukunft. Meines Erachtens haben das die meisten Staatschefs im Grunde erkannt. Ein entsprechender politischer Kurs dürfte die Kapitalmärkte und die Entwicklung einer Marktwirtschaft nach meiner Überzeugung begünstigen. Das erwarte ich für Ägypten. Und was in Ägypten, dem bevölkerungsreichsten Land Nordafrikas, passiert, wird vermutlich auf Tunesien, Libyen, Marokko, Syrien, den Irak und andere Länder der Region abfärben.

Nach unserem Aufenthalt in Ägypten fuhren wir weiter nach Süden und besuchten weitere afrikanische Länder: Tansania, Ruanda und Kenia. Die Ereignisse in Ägypten zeigten hier keine durchschlagenden Folgen. Offenbar verfolgen diese Länder weiter ihre eigenen Reformprogramme.  Natürlich haben sie vielfach dieselben Probleme wie Ägypten: hohe Arbeitslosigkeit, sehr junge Bevölkerung, Inflationsdruck, unterentwickelte Infrastruktur, höherer Investitionsbedarf und Korruptionsbekämpfung, damit Investitionen fließen und den Aufbau der Infrastruktur vorantreiben können. Dessen ungeachtet verzeichnen diese Länder rasches Wachstum, was sich meiner Erwartung nach in den nächsten Jahren fortsetzen dürfte.

Wie schon gesagt, sollten Anleger in Bezug auf die Schwellenmärkte unbedingt eine langfristige Perspektive wählen. Veränderungen vollziehen sich nicht über Nacht – und bringen unweigerlich auch Volatilität. Abgesehen davon sehe ich die Zukunft des Kontinents optimistisch und komme bestimmt wieder! 

 

 

 


[1] Quelle: © Pew Research Center, „The Future of the Global Muslim Population”, Januar 2011.

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