Investmentabenteuer in den Emerging Markets

Eindrücke aus Georgien

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Die Glas- und Stahlkonstruktion der Friedensbrücke über den Fluss Kura in Tiflis

Vor Kurzem reiste ich mit meinem Team nach Georgien, einem kleinen Land im Kaukasus an der Grenze zwischen Europa und Asien. Warum wir uns für Georgien interessieren?

In einem Wort: Reform. In Georgien, das als Grenzmarkt eingestuft werden kann, dürfte sich künftig viel verändern.
Georgien wurde 1991 von der Sowjetunion unabhängig und liegt strategisch günstig im Osten des Schwarzen Meeres. Es grenzt an Armenien, Aserbaidschan, Russland und die Türkei. Die aktuellen Entwicklungen in Georgien lassen sich erst im historischen Rückblick richtig einordnen. Georgien war nicht nur Opfer vieler Invasionen, auch die Bedeutung Russlands in der georgischen Geschichte darf nicht unterschätzt werden. Der russische Diktator Josef Stalin, der die UdSSR (Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken) von Mitte der 1920er-Jahre bis zu seinem Tod 1953 regierte, war Georgier.

Große Teile des Kaukasus und viele Durchgangswege durch das Gebirge liegen auf georgischem Hoheitsgebiet und verleihen dem Land in der Region strategische Bedeutung. Mit dem Bau der Baku-Tiflis-Ceyhan-Ölpipeline, der Baku-Tiflis-Erzurum-Gaspipeline (Südkaukasus-Pipeline) und der Bahnlinie Kars-Tiflis-Baku soll aus Georgiens Schlüssellage zwischen Europa und Asien strategisch Kapital geschlagen werden durch den Ausbau seiner Rolle als Transitland für Gas, Öl und andere Güter.

Unsere Reise führte uns zunächst in den schönen Badeort Batumi am Schwarzen Meer. Dass Georgien bereit ist für Veränderungen und durch seine Architektur Fortschritt demonstriert, war auf den ersten Blick zu erkennen. Bei der Landung wirkte der Flughafen-Tower von Batumi wie ein Juwel bei Nacht. Um den Turm und den angeschlossenen Rundbau funkelten Hunderte von Lichtern.

Avantgardistisches Fast-Food-Restaurant in Georgien
Avantgardistisches Fast-Food-Restaurant in Georgien

Die Grenzstation in Sarpi, die der deutsche Architekt Jürgen Mayer H. entworfen hat, ist eine unglaubliche Raumskulptur aus fließenden Rundungen und Auskragungen. Auf der Fahrt durch die Stadt fiel mir das modernste McDonald’s-Restaurant auf, das ich je gesehen hatte. Es sah aus wie ein startbereites Raumschiff. Die Altstadt wurde liebevoll restauriert. Ihre architektonische Vielfalt reicht von Empire über Art déco bis zu traditionellen georgischen Bauten mit ausgefallenen Türmchen. Bei der Reise durchs Land faszinierten mich die interessanten Neubauten ebenso wie die aufwendige Renovierung älterer Gebäude.

 

Wachstum und Wandel

Begegnung mit Georgiens damaligem Regierungschef Bidsina Iwanischwili
Begegnung mit Georgiens damaligem Regierungschef Bidsina Iwanischwili

Seit der „Rosenrevolution“ von 2003, mit der sich die politischen Machtverhältnisse verschoben und die Ära der Sowjetherrschaft zu Ende ging, hat Georgien drastische Reformen vorangetrieben. 2008/2009 erlitt der georgische Markt zwar Rückschläge, doch von 2010 bis 2012 verbuchte das Land solide jährliche BIP-Zuwächse von 6% bis 7%.[1] Georgiens Verschuldungsquote liegt bei bescheidenen 36,30%[2] und die Inflation erscheint tragbar. Zu den Wachstumstreibern der Wirtschaft zählen Tourismus und Landwirtschaft. Aber auch maßgebliche Überweisungen von ins Ausland abgewanderten Arbeitskräften trugen zur Steigerung der Devisenreserven bei.

Der eigentliche Reiz Georgiens für mich und mein Team liegt in seiner jüngsten Verwandlung hin zu einer modernen und fairen Gesellschaft, in der die Regierung ihre Bürger offenbar anständig behandelt. Am meisten beeindruckt hat mich, dass in Georgien Ansässige erzählten, wie gründlich mit Althergebrachtem aufgeräumt werde und um wie viel effizienter die Staatsverwaltung geworden sei. Im „Ease of Doing Business“-Bericht der Weltbank lag Georgien 2013 unter 189 Ländern auf dem achten Platz – ein deutlicher Aufstieg von Position 133 im Jahr 2005.[3] Georgiens Verwaltungszentrum, das Grundbuchamt und Passbehörde unter einem Dach zusammenfasst, ist ein Paradebeispiel für die transparente und moderne Verwaltung des Landes. Georgiens Infrastruktur fand ich im Großen und Ganzen wirklich beeindruckend.

Im Verwaltungszentrum von Georgien
Im Verwaltungszentrum von Georgien

Ebenso hat mir der offenbar drastische Rückgang der Korruption in Georgien imponiert. Tatsächlich lautete eine der wichtigsten Fragen, die ich jedem Regierungsvertreter stelle, mit dem ich persönlich in Kontakt komme: Welche konkreten Reformen strengen Sie an, um die Korruption zu bekämpfen? Außerdem interessiert mich, welche Pläne für Wirtschaftswachstum und Steuersenkung verfolgt werden, während der Staatsapparat effizienter wird. Unser Team hatte erfreulicherweise Gelegenheit, mit dem damals amtierenden Premierminister Bidsina Iwanischwili über unsere Bedenken zu sprechen und die Chancen für das Land zu erörtern.

Im Economic Freedom Index der Heritage Foundation, der anhand der Freiheit von Handel, Unternehmertum und Investitionen und des Eigentumsrechts den Grad der wirtschaftlichen Freiheit eines Landes angibt, rangiert Georgien 2013 unter 161 Ländern an 21. Stelle.[4] Ein Unternehmen zu gründen, ist in Georgien vergleichsweise einfach. Die Eintragung ist innerhalb eines Tages möglich. Ausländer brauchen keine besondere Arbeitsgenehmigung und Bürger von über 80 Ländern dürften ohne Visum für 360 Tage nach Georgien einreisen. Außerdem ist auch das Steuersystem in Georgien verhältnismäßig unkompliziert und für Investoren ansprechend. Wie in jedem Land gibt es auch in Georgien Ewiggestrige, die gern alle Veränderungen rückgängig machen möchten. Wie in anderen Ländern gibt es nach wie vor Korruption, wenngleich diese stark zurückgedrängt wurde. 

Diese Probleme dürfen wir nicht ignorieren, und wir müssen auch Georgiens Beziehungen zu Russland beobachten, um sicherzugehen, dass sie störungsfrei bleiben. Natürlich sind Investitionen in Grenzmärkten – gemeinhin die Untergruppe kleinerer, geringer entwickelter Schwellenländer – mit erhöhten Risiken verbunden wie potenzieller Kursvolatilität, illiquiden Märkten und dem Fehlen etablierter Rechts-, Politik-, Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme zur Unterstützung der Wertpapiermärkte.

Bei der Suche nach potenziellen Anlagechancen in aller Welt achtet Templeton aber vor allem anderen auf Wachstumspotenzial. Wirtschaftswachstum kann als Treiber für Unternehmenswachstum und potenzielle Rentabilität eines Unternehmens fungieren, und darauf legen wir Wert. Wir suchen nach gut geführten Unternehmen, die unseres Erachtens in der Lage sind, vom Wirtschaftswachstum eines Landes zu profitieren. Darüber hinaus versuchen wir, so viele Unternehmen wie möglich zu besuchen und ihre Führungsteams kennenzulernen. Ferner sprechen wir gern mit den Kunden und Konkurrenten der Unternehmen. Und letztlich unterhalten wir uns mit Staatsvertretern, die mit der Regulierung und Überwachung potenzieller Anlageobjekte befasst sind.

Wir sind zuversichtlich, dass viele der Ziele bei der Modernisierung und Liberalisierung in Georgien erreicht werden, was uns dazu veranlasst hat, uns dort nach Investmentgelegenheiten umzuschauen. Mein Team und ich haben unseren Besuch sehr genossen und kommen gerne wieder!



[1] Quelle: The World Factbook 2013-14. Washington, DC: Central Intelligence Agency, 2013.

[2] Quelle: The World Factbook 2013-14. Washington, DC: Central Intelligence Agency, 2013; 2012: Schätzwert zum Stand vom Dezember 2013. Schließt den kumulierten Gesamtwert aller staatlichen Ausleihungen abzüglich Rückzahlungen ein, die auf die Heimatwährung eines Landes lauten.

[3] Source: Weltbank. 2013. Doing Business 2014: Understanding Regulations for Small and Medium-Size Enterprises. Washington, DC: Weltbankgruppe. DOI: 10.1596/978-0-8213-9615-5. Lizenz: Creative Commons Attribution CC BY 3.0

[4] Quelle: 2013 Index of Economic Freedom, The Heritage Foundation.

 

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