Investmentabenteuer in den Emerging Markets

Wird das chinesische Jahr der Ziege die Bullen in die Märkte bringen?

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Nach dem chinesischen Kalender ist das Jahr 2015 das Jahr der Ziege (bzw. des Schafs), Geschöpfe, die von Natur aus friedliebend sind, aber auch eigensinnig sein können und Herdenverhalten an den Tag legen. Ich habe meinen Kollegen Eddie Chow, Senior Executive Vice President und Managing Director der Templeton Emerging Markets Group, eingeladen uns seine Gedanken zu den wichtigen Themen, auf die sich unser Team 2015 konzentrieren wird, zu schildern und die Frage zu beantworten, ob Marktbullen, Bären und Ziegen in diesem Jahr Freundschaft schließen werden können.

Eddie Chow
Eddie Chow

Eddie Chow
Senior Executive Vice President und Managing Director
Templeton Emerging Markets Group

Chinesische Aktien (die im internen Markt für A-Aktien erfasst sind) konnten sich 2014 erholen. Grund war vor allem die bessere Stimmung im Land. Seit Mitte 2014 hat die Regierung – über die People’s Bank of China (PBOC) – Maßnahmen zur Verbesserung der kurzfristigen Interbank-Liquidität und zur Senkung der Kreditkosten für Unternehmen, insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen (KMUs), ergriffen. Eine Zinssenkung Ende November 2014 war Bestätigung für uns, dass sich aller Wahrscheinlichkeit nach ein neuer Zyklus geldpolitischer Lockerungen abzeichnete. Die PBOC hatte zu diesem Zeitpunkt angekündigt, sie werde den Leitzins für Laufzeiten von einem Jahr um 40 Basispunkte auf 5,6% senken und den Einlagezins um 25 Basispunkte auf 2,75%.

Obwohl es unserer Meinung nach weiterhin gute Gründe für eine gute Entwicklung chinesischer Aktien in diesem Jahr gibt, denken wir auch, es wird schwierig werden, die starke Performance des letzten Jahrs zu wiederholen. Bewertungen sind gestiegen und die Wachstumsaussichten für die Unternehmensumsätze haben sich nicht entsprechend verbessert. Außerdem ist die Zahl der Margenfinanzierungen stark gestiegen. Sie erreicht inzwischen ein hohes Niveau, was die Regierung erst vor kurzem veranlasste Beschränkungen einzuführen. Wir glauben, die Regierung könnte noch weitere Maßnahmen ergreifen, die Kleinanlegern helfen sollen sich nicht zu sehr zu verschulden und den Markt vor Überhitzung zu schützen. Die starke Marktperformance des vergangenen Jahrs sollte daher nicht zu unrealistischen Erwartungen für dieses Jahr führen.

Themen, auf die man 2015 ein Auge haben sollte

Oberflächlich betrachtet ist der niedrige Ölpreis für China, als ölimportierendes Land, positiv. Ein weiterhin niedriger Ölpreis würde bedeuten, China als Nettoverbraucher würde weniger für das bezahlen, was es benötigt. Die Regierung nutzte diese Situation und erhöhte gegen Ende letzten Jahres die Verbrauchssteuern auf Kraftstoffe, was den staatlichen Einnahmen in China zugute kommt. Selbst nach dieser Steuererhöhung ist es wahrscheinlich, dass Fahrzeughalter und Reisende immer noch weniger bezahlen, falls der Ölpreis weiter fällt. Wenn man aber den Ölpreis als Indikator für die Gesundheit der Weltwirtschaft heranzieht, deutet der Trend auf eine weiterhin schwache Nachfrage hin – nicht nur nach Öl, sondern auch nach anderen Rohstoffen und Endprodukten. Das wiederum wäre für den chinesischen Export- und Fertigungssektor nicht so gut. Aufgrund der zunehmenden Deflationserwartungen könnten die Binnennachfrage und die Industrieleistung unter Druck geraten. Wir denken, die PBOC wird wachsam und flexibel bleiben, um Lockerungsmaßnahmen ergreifen zu können, falls dies erforderlich werden sollte.

Angesichts der ungewissen Lage in diversen Industrieländern und Regionen wird eine voneinander abweichende Geldpolitik verfolgt. Während die Europäische Zentralbank gerade erst enorme neue quantitative Lockerungen angekündigt hat und Japan allem Anschein nach sein ehrgeiziges Anreizprogramm fortführen wird, wird in den USA und in Großbritannien darüber debattiert, ob Zinserhöhungen bevorstehen. Wir glauben zwar, aus Europa und Japan wird weiterhin Liquidität fließen, steigende Zinsen in den USA könnten sich jedoch generell negativ auf Schwellenmärkte auswirken, da höhere Zinsen in den USA aller Wahrscheinlichkeit nach dazu führen werden, dass Mittel dorthin zurückgeführt werden. Allerdings erscheinen unserer Ansicht nach viele Schwellenmärkte gut auf mögliche Zinserhöhungen in den USA vorbereitet zu sein. Indien beispielsweise hat sein Leistungsbilanzdefizit weitgehend unter Kontrolle gebracht. Auch Indonesien konnte, aufgrund des niedrigen Rohölpreises und der Entschlossenheit der neuen Regierung, staatliche Zuschüsse abzuschaffen, sein Leistungsbilanzdefizit senken. Wie bereits erwähnt sind wir der Ansicht, China wird aller Voraussicht nach vom niedrigeren Ölpreis profitieren können. Das Land scheint auch nach aller Wahrscheinlichkeit seinen hohen Handelsüberschuss erhalten zu können. Demgegenüber sind rohstoffproduzierende Länder wie Brasilien und Russland wahrscheinlich anfälliger. Diese Länder müssen möglicherweise Zinsen erhöhen um die Abflüsse von Geldmitteln finanzieren zu können. Diese weltweite Divergenz der Geldpolitik wird ein Thema sein, auf das wir 2015 ein Auge haben werden.

Unserer Meinung nach wird es in China auch 2015 zu Neujustierungen der Wirtschaft kommen. Diese, in Verbindung mit der Notwendigkeit einer Reformierung der Besitzstrukturen staatlicher Unternehmen (SOEs), könnte potenzielle Gelegenheiten für Anleger schaffen. Einige Branchen, beispielsweise Papier und Zement, in denen überschüssige Kapazitäten weitgehend rationalisiert wurden, könnten ebenfalls Chancen bieten. Es werden weitere potenzielle Zinssenkungen durch die PBOC erwartet. Davon könnten, aufgrund geringerer Kreditausfälle, da die Zinslast von Firmenkunden gemindert würde, auch die Banken profitieren.

Chinas neue politische Ziele

Eines der Themen des Weltwirtschaftsforums in Davos, Schweiz, im Januar war, wie neue wirtschaftliche, umweltpolitische und Governance Prioritäten Chinas Zukunft gestalten. Das ist ein weitreichendes Thema. Ich glaube aber einer der relevantesten und interessantesten Aspekte für uns als Anleger ist die Tatsache, dass man in China die wichtige Verknüpfung zwischen Wirtschaftswachstum und Governance erkannt hat. Die chinesische Wirtschaft nähert sich dem mittleren Einkommensniveau an. Um weiter wachsen zu können sind unserer Meinung nach besser strukturierte Institutionen erforderlich, die Privatinvestitionen und den Schutz geistigen Eigentums fördern. Die Governance im öffentlichen Dienst, einschließlich der SOEs, muss ebenfalls verbessert werden. Wir haben daher schon die Einführung des Mischbesitzes (private Beteiligung) von staatlichen Unternehmen erlebt. Meiner Meinung nach ist das erst der Anfang. Wir erwarten mit zunehmender privater Beteiligung eine schrittweise zunehmende, vielfältige Eigentümerstruktur im SOE-Bereich und dann einen schrittweisen Ausstieg des Staats aus diversen kommerziellen Aktivitäten.

Ein weiteres wichtiges politisches Ziel ist unserer Meinung nach die Korruptionsbekämpfung. Kurzfristige Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung haben sich im Allgemeinen als negativ für das Wirtschaftswachstum erwiesen. So ist zum Beispiel der Konsum von Luxusgütern zurückgegangen und viele Großprojekte verzögerten sich aufgrund von Ermittlungen oder sie wurden aufgeschoben. Natürlich ist die chinesische Regierung nicht die einzige, die sich mit korruptionsbedingten Problemen herumschlagen muss – fasst alle Regierungen müssen diesen Kampf ausfechten – es ist aber ein Bereich, in dem wir mit Freude Fortschritte feststellen können. Wir denken, die derzeitige politische Führung in China muss klarstellen, dass es sich hierbei nicht nur um vorübergehende Maßnahmen handelt. Unserer Ansicht nach müssen auf die derzeitigen Maßnahmen ernsthafte institutionsbildende Maßnahmen folgen, die dazu beitragen, langfristiges Wachstum und soziale Stabilität zu gewährleisten.

Anmerkungen zum Shanghai-HK Connect Programm

Ein Meilenstein für den chinesischen Markt war im vergangenen Jahr die Umsetzung des Shanghai-Hongkong (HK) Connect Programms, das nach langen Verzögerungen endlich gestartet werden konnte und nun die Aktienmärkte in Shanghai (A-Aktien) und in Hongkong (H-Aktien) miteinander verknüpft. Das Programm ermöglicht Anlegern in Hongkong Aktien, die in Festland-China notiert werden (nordwärts), zu handeln und abzurechnen, und Anlegern in Festland-China, Aktien im Hongkong-Markt (südwärts) über die Börse und Clearingstelle in ihrem Heimatmarkt zu handeln und abzurechnen. Aufgrund diverser Barrieren, darunter beispielsweise Vorhandelsprüfungen und Aktionärsrechte unter Namensstrukturen, ist das Programm bisher nicht so entgegenkommend, wie der Markt sich das ursprünglich vorgestellt hatte. Derzeit scheint Shanghai, da es einen stärkeren Nordwärtsfluss gibt, stärker zu profitieren. Ich denke aber, mit steigenden Ansprüchen chinesischer Aktionäre wird wahrscheinlich auch der Südwärtsfluss zunehmen, was die Transaktionen in ein besseres Gleichgewicht bringen dürfte. Ist das erst einmal geschehen, werden wir möglicherweise beobachten können, wie Aktien mit Chinabezug in Hongkong sich stärker mit dem A-Aktienmarkt bewegen werden. Dieser scheint stärker von Stimmung und politischen Meldungen getrieben zu werden und verzeichnet eine höhere Volatilität.

Eine erwartete Verknüpfung der Börsen in Hongkong und Shenzhen wäre, nach dem erfolgreichen Start von Shanghai-HK Connect, eine logische Fortsetzung. Das wiederum würde das investierbare Universum für Hongkong Anleger wahrscheinlich zusätzlich erweitern. Shenzhen kann Anlegern etwas andere Optionen bieten, denn dort finden sich mehr Privatunternehmen in bestimmten neuen Branchen mit hohem Wachstum, wie beispielsweise Medizin, Software und Informationstechnologie und Konsum mit Dienstleistungsbezug. Demgegenüber sind in Shanghai mehr SOEs und traditionelle Industrieunternehmen notiert. Unserer Meinung nach könnte die Shenzhen Stock Exchange von den Shanghai-Hongkong Erfahrungen profitieren und so ihre Fähigkeiten in den Bereichen Börsenzulassung, Anlegerschutz und Bericht- und Überwachungserfordernisse für börsennotierte Unternehmen verbessern. Was China betrifft könnte dies weiter zur Internationalisierung der chinesischen Renminbi Währung (RMB) beitragen, denn es gäbe dann mehr Investmentalternativen für Offshore-RMB. Wenn die drei Märkte (Shanghai-Hongkong-Shenzhen) erst einmal vollständig gekoppelt sind, würden sie den zweitgrößten Markt der Welt bilden. Das dürfte unserer Meinung nach ganz gewiss ein größeres Interesse von Anlegern in aller Welt wecken.

In China steht das Jahr der Ziege für Frieden, Glück und eine gute Ernte – wir hoffen, diese positiven Merkmale werden sich durchsetzen. Wenn wir in der Geschichte zurückblicken, gab es auch früher schon positive Marktentwicklungen in Jahren, die von der Ziege dominiert wurden. In der modernen Welt von heute werden wir uns aber ganz gewiss nicht auf diese althergebrachten Weisheiten verlassen – denn wie wir in der Finanzbranche ja zu sagen pflegen: „Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist keine Garantie für die Zukunft.“ Aber als Anleger in China sind wir der festen Überzeugung, dass es keinen Grund gibt, warum Ziege und Bulle nicht Freunde werden könnten.

Wichtige Hinweise:
Die Kommentare, Meinungen und Analysen von Dr. Mobius dienen ausschließlich zu Informationszwecken. Sie dürfen nicht als eine individuelle Anlageberatung oder Empfehlung, in ein Wertpapier zu investieren oder eine bestimmte Anlagestrategie zu verfolgen, aufgefasst werden. Da sich Markt- und Konjunkturbedingungen schnell verändern können, gelten Kommentare, Meinungen und Analysen nur für den Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags. Sie können sich ohne Ankündigung ändern. Dieses Material soll keine vollständige Analyse aller wesentlichen Fakten in Bezug auf ein Land, eine Region, einen Markt, eine Branche, eine Anlage oder Strategie darstellen. 

Alle Anlagen sind mit Risiken behaftet, inklusive des möglichen Verlusts der Anlagesumme. Ausländische Wertpapiere bringen spezielle Risiken mit sich, darunter Wechselkursschwankungen, wirtschaftliche und politische Ungewissheit. Anlagen in Schwellenländern sind mit erhöhten Risiken in Bezug auf dieselben Faktoren verbunden. Hinzu kommen die durch ihre kleinere Größe, ihre geringere Liquidität und den nicht so fest gefügten rechtlichen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rahmen zur Stützung der Wertpapiermärkte bedingten Gefahren. 

 

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