Investmentabenteuer in den Emerging Markets

Geldpolitische Fragen

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In diesem Jahr rechnen wir mit abweichender Geldpolitik der globalen Zentralbanken als Leitthema und voraussichtlichem Treiber von Anlageströmen. Vorerst scheinen die geldpolitischen Weichen auf Expansion gestellt, denn allein im Januar 2015 führten 14 Zentralbanken in irgendeiner Form Lockerungsmaßnahmen durch, meist durch Zinssenkungen oder Anlagekäufe.[1] Die dänische Zentralbank senkte die Zinsen besonders aggressiv – in diesem Jahr bereits viermal innerhalb von drei Wochen. Gleichzeitig kündigte die Europäische Zentralbank (EZB) Pläne für verstärkte quantitative Lockerungen (QE) nach dem Muster der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) und der Bank of Japan an.

Zentralbank Lockerungen

Die Bezeichnung „Lockerung“ für QE trifft in Wirklichkeit nicht zu, denn es geht im Grunde eher um Mehrung. Die erste Phase des Geldschöpfungsprogramms der Fed (QE1) wurde Ende 2008 als Reaktion auf die Subprime-Finanzkrise in den USA eingeleitet und war ein Programm zum Abkauf von Staatsanleihen, hypothekenunterlegten Wertpapieren und anderen Vermögenswerten überwiegend von Banken, die unter dem Wertverlust solcher Aktiva litten. Ursprünglich belief sich das Programm auf 600 Mrd. US-Dollar, doch die erwarteten Effekte wie Konjunkturaufschwung und großzügigere Kreditvergabe blieben aus. Daher wurde 2010 QE2 aufgelegt und zwei Jahre später QE3. Die Politik versuchte zunehmend verzweifelt, der Konjunktur die nötigen Anreize zu geben. Insgesamt wurden über 4 Bio. US-Dollar ausgegeben (was in etwa der Höhe der chinesischen Devisenreserven entspricht) – rund sechsmal so viel wie ursprünglich vorgesehen. Das Ergebnis war eine Verdreifachung der Bilanzsumme der Fed.

Besonderes Augenmerk verdient in meinen Augen der Umstand, dass die USA in diesen Jahren nicht das einzige Land waren, das ein solches Programm lancierte. In Großbritannien wurde 2009 ein Programm über 75 Mrd. Pfund (rund 120 Mrd. US-Dollar) initiiert und nach und nach auf 375 Mrd. Pfund (ca. 600 Mrd. US-Dollar) aufgestockt. Die Bilanzsumme der Bank of England vervierfachte sich. Der Staat druckte neues Geld, um eigene Anleihen zurückzukaufen. Anziehende Konjunktur in den USA und Großbritannien hat inzwischen den Zeitpunkt einer Drosselung und potenziell anstehender Zinserhöhungen auf diesen Märkten zum Thema gemacht.

Während die Lockerungen in den USA und Großbritannien zurückgeführt werden, gehen sie in anderen Ländern unvermindert weiter. Die Bank of Japan verstärkte ihre expansive Geldpolitik im Oktober 2014 und stockte die Anlagenkäufe auf 80 Bio. Yen im Jahr auf (674 Mrd. US-Dollar). Mit ihrer von manchen als „quantitative und qualitative Lockerungen” oder „QQE“ bezeichneten Politik bekämpft die japanische Zentralbank Deflation und versucht, die Wirtschaft nach jahrelanger Stagnation auf Touren zu bringen.

Die Eurozone leidet weiter unter den Folgen der Staatsschuldenprobleme und einer längeren Phase der Wachstumsschwäche. Eine Nebenwirkung ist Deflation. Daher griff die EZB im Januar zu einer ähnlichen QE-Lösung wie die USA und Japan und kündigte Pläne zum Aufkauf von Anleihen für mindestens 1 Bio. Euro ab März an. Die Zentralbank bekräftigte damit ihre Absicht, den Märkten Liquidität zuzuführen.

Auch in Schwellenländern erkennen wir gewisse Abweichungen in der Politik, die jedoch derzeit allgemein eher zur Lockerung tendiert. Werfen wir einen Blick auf ein paar aktuelle politische Schritte und die Beweggründe dafür.

China (Lockerung)

Nach einer überraschenden Zinssenkung im November setzte die People’s Bank of China (PBOC) den Mindestreservesatz der Banken (RRR) am 4. Februar um 50 Basispunkte (0,50%) herab, um die Geldmenge um geschätzte 600 Mrd. Yuan (96 Mrd. US-Dollar) zu erhöhen. Außerdem kündigte die PBOC eine weitere Senkung des RRR für kleinere Finanzinstitute um 50 Basispunkte an, mit Schwerpunkt auf Mikrounternehmen und landwirtschaftlichen Krediten, sowie eine Verminderung des RRR für die Agricultural Development Bank of China (ADBC) um 400 Basispunkte (4%). Mit diesen Maßnahmen will die Regierung die Konjunktur ankurbeln, während etliche statistische Daten unerwartet schwach ausfallen, auch das maßgebliche Barometer des Einkaufsmanagerindex (PMI) für das produzierende Gewerbe, das im Januar 2015 unter 50 fiel. Das von der chinesischen Regierung ausgewiesene Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) belief sich fürs ganze Jahr 2014 im Jahresvergleich auf 7,4% gegenüber einem Vorjahresanstieg um 7,7%. Wir bei der Templeton Emerging Markets Group sorgen uns nicht um nachlassendes Wachstum in China und halten ein Wachstum von 7% und mehr für eine Volkswirtschaft dieser Größe für ziemlich robust. Dessen ungeachtet will die PBOC offensichtlich dafür sorgen, dass China ein globaler Wachstumsmotor bleibt. Weitere Lockerungsmaßnahmen im Jahresverlauf würden uns daher nicht überraschen.

Indien (Lockerung)

Auch Indien gehört trotz seines soliden BIP-Wachstums ins expansive Lager. Eine Abwandlung der Berechnungsmethode für die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, die Indiens BIP-Statistik an globale Standards angleicht, führte zu einer deutlichen Aufwärtskorrektur der neuesten BIP-Daten des Landes. Die zuletzt veröffentlichten Daten der indischen Regierung zeigen für das Haushaltsjahr bis März 2014 einen Anstieg des BIP-Wachstums im Jahresvergleich von zuvor 4,7% auf 6,9% an. Desgleichen wurde das Wachstum für das Haushaltsjahr 2012/13 im Jahresvergleich von 4,5% auf 5,1% revidiert.

Im Januar überraschte die Reserve Bank of India die Märkte mit einer Senkung des Leitzinses um 25 Basispunkte (0,25%) auf 7,75%. Nachlassender Inflationsdruck veranlasste die Bank zur Herabsetzung der Zinsen im Rahmen ihrer Maßnahmen zur weiteren Steigerung des Wirtschaftswachstums. Am 3. Februar schließlich wurde die gesetzlich vorgeschriebene Liquiditätsquote (die vorgibt, in welcher Höhe und Form Banken Reserven vorhalten müssen) auf 21,5% gesenkt, um die Kreditvergabebereitschaft der Banken zu steigern. Während Indiens Verbraucherpreisindex im Dezember 2014 von einem im November verzeichneten Rekordtief bei 4,4% im Jahresvergleich auf 5,0% stieg, lag er immer noch deutlich niedriger als die im Januar 2014 verzeichneten 8,8%, was Spielraum für politische Lockerungen schaffte. Der Chef der Reserve Bank of India, Raghuram Rajan, verwies auf niedrigere Ölpreise als Ursache für nachlassende Inflationsgefahr im Land und stellte weitere Zinssenkungen in Aussicht.

Russland (Lockerung)

Um die Binnenwirtschaft anzukurbeln, senkte die russische Zentralbank im Januar ihren Leitzins um 200 Basispunkte (2,0%) auf 15%. Zuvor hatte sie die Zinsen im Dezember von 10,5% auf 17% erhöht, um den russischen Rubel zu stabilisieren und den Inflationsdruck zu lindern. Die Inflation kletterte im Dezember auf den höchsten Stand seit über fünf Jahren, was vor allem höheren Nahrungsmittelkosten geschuldet war. Der Verbraucherpreisindex erhöhte sich im Jahresvergleich von 9,1% im November sprunghaft auf 11,4%. In den letzten Monaten kündigte die Regierung ein Maßnahmenpaket im Volumen von mindestens 35 Mrd. US-Dollar an, um die Wirtschaftskrise im Land zu bewältigen. Dazu gehörten die Rekapitalisierung des Bankensystems mit 15,7 Mrd. US-Dollar und eine Kapitalspritze von 4,7 Mrd. US-Dollar in die staatliche Entwicklungsbank, um verstärkte Kreditvergabe zur Ankurbelung der Landeswirtschaft zu ermöglichen. Russland steht eindeutig vor einer ganzen Reihe von Problemen, die die Geldpolitik allein nicht lösen kann. Im Januar stufte die internationale Ratingagentur Standard & Poor’s die Bonität des Landes von BBB- auf BB+ herab und entzog ihm damit den Investment Grade-Status. Dabei berief sie sich auf die schlechtere Qualität der Aktiva im Finanzsystem infolge des schwächeren Rubels, auf den beschränkten Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten aufgrund der Sanktionen und auf die für 2015 erwartete Rezession.

Türkei (Lockerung)

Die türkische Zentralbank senkte ihre Leitzinsen im Januar um 50 Basispunkte (0,5%) auf 7,75%, da der Inflationsdruck infolge des Ölpreisverfalls nachließ. Der Verbraucherpreisindex ging im Dezember im Jahresvergleich auf 8,2% zurück. Im November hatte er bei 9,2% gelegen. Die Türkei ist verschiedenen gegenläufigen Strömungen ausgesetzt. Das Haushaltsdefizit der Zentralregierung vergrößerte sich im Jahresvergleich 2014 um über 20% auf 9,9 Mrd. US-Dollar. Das Leistungsbilanzdefizit betrug für 2014 mit 45,8 Mrd. US-Dollar nach Angaben des türkischen Wirtschaftsministeriums weniger als die 2013 verzeichneten 64,7 Mrd. US-Dollar.

Brasilien (Verschärfung)

Brasilien würde Deflationsdruck, wie ihn Japan oder die EZB erleben, vermutlich begrüßen, denn der brasilianische Verbraucherpreisindex legte 2014 6,4% zu – so rasant wie zuletzt 2011 – und schoss über das Zentralbankziel hinaus. Ein wesentlicher Grund dafür war die Abwertung des brasilianischen Real, der gegenüber dem US-Dollar 2014 11% verlor.[2] Trotz des schleppenden Wirtschaftswachstums in Brasilien veranlassten Inflationssorgen die Zentralbank zu einer Leitzinserhöhung um 50 Basispunkte (0,5%) auf 12,25% am 21. Januar (dem dritten solchen Schritt in Folge) auf den höchsten Stand seit August 2011. Das Konsumklima erreichte unlängst den schwächsten Wert seit 2005, da sich die Brasilianer zunehmend um die beunruhigende Mischung aus steigenden Preisen und schwachem Arbeitsmarkt sorgen. Der Primärhaushalt Brasiliens wies 2014 das erste Defizit seit über zehn Jahren aus. Niedrigere Steuereinnahmen und höhere Staatsausgaben im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen vom Oktober führten zu einem Defizit von 13,8 Mrd. US-Dollar bzw. 0,6% des BIP. Finanzminister Joaquim Levy kündigte verschiedene Gegenmaßnahmen gegen die staatliche Haushaltskrise an, darunter höhere Steuern auf Brennstoffe, Kredite und Importprodukte sowie eine Abschaffung der Steuererleichterungen für die Automobilbranche.

Im Zusammenspiel: Auswirkungen auf das Anlagegeschäft

Meines Erachtens haben die von den großen Zentralbanken weltweit eingeführten Lockerungsprogramme möglicherweise konjunkturelle Impulse erzeugt. Sie haben es jedoch den Banken auch vielfach ermöglicht, schmerzhaften Entscheidungen über Fehlinvestitionen aus dem Weg zu gehen. Zum Leidwesen der Zentralbanker, die die neuerliche Vergabe von Bankkrediten und damit die Wirtschaft ankurbeln wollten, ruht ein Großteil des Geldes, das eigentlich auf den Markt fließen sollte, nach wie vor in den Bankbilanzen.

Die von uns weltweit auf vielen Märkten wahrgenommenen niedrigen Zinsen gereichen fleißigen Sparern und Rentnern inzwischen zum Nachteil, während Aktienanleger allgemein profitieren. Viele Sparkunden, die schon unter den niedrigen Zinsen gelitten haben, könnte die Lockerungspolitik künftig noch vor andere Probleme stellen, nämlich hohe Inflation und Blasen bei den Vermögenspreisen. Der jüngste Rückgang des Ölpreises hat ein Polster geschaffen, doch wir gehen nicht davon aus, dass Öl langfristig so billig bleibt. Außerdem besteht die Sorge vor dem Ausbruch von „Währungskriegen“ im Zuge all der Lockerungsmanöver, wenn Länder versuchen, durch Abwertung der eigenen Währung Exportwachstum herbeizuführen.

Für den Moment sollten die letzten Lockerungsmaßnahmen durch Japan, die EZB, China, Indien und andere Zentralbanken der Angst vor potenziellen Zinserhöhungen durch die Fed und andere in diesem Jahr nach unserem Eindruck entgegenwirken. Unseres Erachtens werden die Märkte durch die lockere Zentralbankpolitik weitere Liquiditätsspritzen erhalten, die weltweit Kapitalzuflüsse in Aktien auslösen könnten, wenn sich Anleger auf die Suche nach Rendite machen. Wir achten jedoch auch aufmerksam auf potenzielle Nachwirkungen.

Wichtige Hinweise:

Die Kommentare, Meinungen und Analysen von Dr. Mobius dienen ausschließlich zu Informationszwecken. Sie dürfen nicht als eine individuelle Anlageberatung oder Empfehlung, in ein Wertpapier zu investieren oder eine bestimmte Anlagestrategie zu verfolgen, aufgefasst werden. Da sich Markt- und Konjunkturbedingungen schnell verändern können, gelten Kommentare, Meinungen und Analysen nur für den Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags. Sie können sich ohne Ankündigung ändern. Dieses Material soll keine vollständige Analyse aller wesentlichen Fakten in Bezug auf ein Land, eine Region, einen Markt, eine Branche, eine Anlage oder Strategie darstellen. 

Alle Anlagen sind mit Risiken behaftet, inklusive des möglichen Verlusts der Anlagesumme. Ausländische Wertpapiere bringen spezielle Risiken mit sich, darunter Wechselkursschwankungen, wirtschaftliche und politische Ungewissheit. Anlagen in Schwellenländern sind mit erhöhten Risiken in Bezug auf dieselben Faktoren verbunden. Hinzu kommen die durch ihre kleinere Größe, ihre geringere Liquidität und den nicht so fest gefügten rechtlichen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rahmen zur Stützung der Wertpapiermärkte bedingten Gefahren. 



[1] Quelle: Thomson Reuters

[2] Quelle: Bloomberg.

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