Investmentabenteuer in den Emerging Markets

Ein nonkonformischter Blick auf Brasilien

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Viele Brasilien-Anleger, darunter auch wir, waren aufgrund des Mangels an Wachstum und Fortschritten in den letzten Jahren etwas frustriert. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs 2014 gerade mal  0,2% (geschätzt), was  meilenweit entfernt ist von den 7,5%, die noch 2010 verzeichnet wurden.[1]  Wir glauben aber, in Brasilien sind alle Voraussetzungen für ein stärkeres Wachstum gegeben, sofern der politische Wille besteht.

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Ein paar freie Stunden im brasilianischen Karneval

Mein Team und ich reisten im Februar nach Brasilien, um direkt vor Ort einen Eindruck von den Geschäfts- und Wirtschaftsbedingungen zu gewinnen. Wir hatten auch Gelegenheit, nach Feierabend an einigen Karnevalsfestivitäten teilzunehmen, was uns auch die Stimmung unter den Menschen dort erleben ließ. Es freut mich sagen zu können, dass Brasilien zwar ganz gewiss Probleme hat, die es zu lösen gilt, ich in Hinsicht auf den Investmentausblick für das Land aber etwas optimistischer geworden bin als noch vor sechs Monaten – und das liegt zum Teil auch daran, dass alle Anderen so pessimistisch scheinen. Wie der verstorbene Sir John Templeton einst sagte: „Zu kaufen, wenn andere verkaufen, und zu verkaufen, wenn andere kaufen – das verlangt großen Mut, macht sich aber bezahlt.“ Als Anleger gegen den Trend suchen wir nach individuellen Gelegenheiten in Schwellenmärkten, die andere meiden, in denen aber unserer Meinung nach Potenzial besteht – wie zum Beispiel in Brasilien.

Die Presse stellte Brasilien in den letzten Jahren aus vielerlei Gründen ein schlechtes Zeugnis aus. Da gab es die Kritik und die Proteste im Zusammenhang mit der FIFA Fußballweltmeisterschaft im vergangenen Jahr (vor allem aufgrund der Kosten und Vorbereitungen), umstrittenen Wahlen, die vom Tod eines Top-Kandidaten und einer knappen Wiederwahl Dilma Rousseffs im Oktober geprägt waren, und ein jüngster Korruptionsskandal bei einem führenden Ölunternehmen im Land. Das alles sind wichtige Gründe dafür, weshalb wir nicht nur vom Wert eines Bottom-up Verfahrens zur Auswahl von Aktien in Schwellenmärkten überzeugt sind, sondern auch von einer aktiven Verwaltung. Da wir an keine Benchmark gebunden sind, können wir etwas flexibler agieren. Dazu möchte ich anmerken, wir sind zwar primär gegenläufige, wertorientierte Anleger, was aber nicht bedeutet, dass wir auch automatisch Titel kaufen oder bestehende Positionen erweitern, nur weil der Kurs gefallen ist. Sehen wir größere Probleme sehen und keinen langfristigen Wert, schauen wir uns nach etwas anderem um. Unser Ansatz erlaubt uns hinweg zu blicken über kurzfristige Marktschocks oder negative Stimmung, die den ganzen Markt in den Keller zieht. So können wir uns auf Unternehmen konzentrieren, die unserer Meinung nach überleben und langfristig gedeihen werden. Der Schlüssel ist Geduld.

Positive Folge von Marktschocks, wie dem Korruptionsskandal in Brasilien, sind die größere Transparenz und Reformen, die normalerweise darauf folgen. Wir investieren seit Jahrzehnten in Brasilien und hatten schon immer das Gefühl, dass sich staatliche Unternehmen bezüglich Corporate Governance schwer taten. Wir hoffen, die erhöhte Aufmerksamkeit, die dem Thema Korruption zukommt, wird zu Veränderungen bei Unternehmen und Reformen in der Politik führen. Es stimmt uns zuversichtlich, dass die Staatsanwaltschaft in Brasilien die der Korruption Verdächtigten verfolgt und Maßnahmen ergreift.  Dazu muss man natürlich anmerken, dass Brasilien nicht das einzige Land mit diesen Problemen ist. Korruption ist eines der größten Probleme, die uns als Anlegern überall auf der Welt begegnen – auch in den fortschrittlichsten Märkten.

Nach den Wahlen: Rückkehr zum Tagesgeschäft  

Nach dem Sieg der Stichwahl mit dem knappsten Ergebnis in der brasilianischen Geschichte setzte Präsidentin Rousseff ein neues Wirtschaftsteam unter Leitung des Finanzministers Joaquim Levy ein, eine Maßnahme, die zur Wiederherstellung des Anlegervertrauens beitragen soll. Als Ziel für dieses Jahr wurde das Erreichen eines Primärüberschusses von 1,2% des BIP gesetzt. Ich muss zugeben, ich war nach den Wahlen recht skeptisch, ob sich die Dinge in Brasilien wirklich ändern würden. Offenbar scheint aber die politische Führung daran zu arbeiten, die Haushaltssituation mit Maßnahmen wie Steuererhöhungen und die Abschaffung von Fördergeldern zu verbessern. Weitere Einsparungen und ein geschäftsfreundlicheres Klima wären meiner Meinung nach ebenfalls wichtig. Ich meine, die politischen Maßnahmen des vorherigen Präsidenten Fernando Henrique Cardoso, die dieser während seiner achtjährigen Amtszeit umsetzte, wie beispielsweise die Privatisierung staatlicher Unternehmen, wären ein gutes Modell, das Roussef aufnehmen könnte.

Ergebnisse lassen sich nicht über Nacht erzielen, doch glaube ich, in etwa fünf Jahren (und vielleicht schon eher) wird das Investitions- und Wirtschaftsklima in Brasilien aus mehreren Gründen viel besser dastehen als in den letzten Jahren. Zum einen ist die brasilianische Bevölkerung jung und besser ausgebildet. Dieser starke und wachsende Verbrauchermarkt profitiert von neuen Technologien, wie beispielsweise Mobilfunkkommunikationen. Zum Zweiten dürften die jüngsten Korruptionsermittlungen zu umfassenden Reformen im Land führen. Meiner Meinung nach wird die brasilianische Regierung eine effizientere und effektivere Politik entwickeln und die Führung staatlicher Unternehmen verbessern. Drittens verfügt Brasilien über enorme natürliche Ressourcen – sowohl hinsichtlich Bodenschätze wie auch in der Landwirtschaft. Schließlich gibt es in Brasilien einige großartige Manager, die nicht nur befähigt sind, lokale Unternehmen zu entwickeln und auszubauen, sondern diese auch an internationale Märkte zu bringen.

Einige wichtige Vorteile Brasiliens

  • Das Land ist nach BIP die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt und bevölkerungsmäßig das sechstgrößte Land.
  • Seit 2003 konnten 36 Millionen Menschen Armut überwinden und sind nun Teil der Mittelklasse.
  • Die demografischen Trends scheinen mit einem Durchschnittsalter bei 30,7 Jahren günstig.
  • Die Arbeitslosenquote in Brasilien fiel 2014 auf einen historischen Tiefststand von unter 5%.
  • Das Land hat eine facettenreiche  Wirtschaft und ein breites Spektrum an Bodenschätzen.
  • Bildung wurde zur Top-Priorität erklärt, die Alphabetisierungsrate liegt bei 90% der Bevölkerung

Quellen: Vereinte Nationen, „Recent Macroeconomic Trends in Emerging Economies and Implications“, Februar 2014;  CIA World Factbook, 2010 Daten; World Bank, 2013 Daten.

Fallender Ölpreis: Rückenwind oder Gegenwind für Brasilien?

Den starken Ölpreisverfall während der letzten Monate kann man als Gegenwind, aber auch als Rückenwind für Brasilien sehen. Der niedrigere Ölpreis führt zwar zu geringeren Einnahmen aus dem Ölexport, der Energiesektor ist jedoch nur ein relativ kleiner Teil der brasilianischen Wirtschaft. So machen die sog. „Oil Rents“ gerade einmal 3% des BIP aus (Daten von 2012).[2] Das brasilianische staatliche Ölunternehmen musste sogar Öl zu Weltpreisen importieren und zum staatlich beschränkten Preis (unter Selbstkosten) verkaufen, um die Inflation künstlich niedrig zu halten und die Verbraucher im Land von den höheren Weltpreisen abzuschirmen. Mit fallendem Ölpreis muss das Unternehmen das Öl nun nicht mehr mit einem Verlust verkaufen, was als positive Entwicklung gesehen werden muss. Gleichzeitig belastet der niedrigere Ölpreis die Erlöse aus Exploration und Produktion.

Ein niedrigerer Ölpreis könnte generell das Wirtschaftswachstum in Ländern, die Netto-Erdölimporteure sind (wie beispielsweise China und die USA), anheizen, die Kaufkraft erhöhen und auch potenziell die Nachfrage nach anderen Produkten aus Brasilien steigern. Obwohl sich die Exporte 2013 insgesamt auf weniger als 15% des BIP beliefen[3], verfügt Brasilien über ein vielseitiges Angebot an industriellen- und landwirtschaftlichen Rohstoffen, die weltweit nachgefragt sind, u. a. nicht nur Erdöl, sondern auch Sojabohnen, Eisenerz und Zucker. Sollte die Weltwirtschaft sich 2016 erholen, was diverse Analysten prognostiziert haben, werden sich meiner Meinung nach wahrscheinlich auch die Preise einiger Rohmaterialien erholen, die derzeit gesunken sind. Das dürfte der brasilianischen Wirtschaft zugute kommen. Gemeinsam mit anderen Reformbestrebungen in Brasilien wird dies hoffentlich dazu beitragen, ausländische Investitionen zu fördern und Vertrauen zu schaffen.

Betrachten wir die Märkte generell und denken darüber nach, was wir tun sollten, schauen wir uns wie schon gesagt gerne Stellen an, die unpopulär sind. Abgesehen von Argentinien und Venezuela ist Brasilien derzeit das wohl unpopulärste Land in Lateinamerika. Gemäß unserer Philosophie hat das Land somit eine nähere Betrachtung verdient, insbesondere die konsumorientierten Sektoren, da die Umsätze mit den pro-Kopf-Einkommen gesunken sind und die Verbraucherausgaben stagnieren. Wir schauen derzeit auch auf den brasilianischen Banksektor, der in Zukunft gute Chancen bieten könnte.

Hinter den Verbraucherausgaben steht derzeit noch ein Fragezeichen, die Kaufkraft ist gesunken und es bestehen Befürchtungen, Brasilien könne in die Rezession abrutschen. Die Stimmung ist derzeit recht schlecht, der Aktienmarkt ist schwach. Die meisten Geschäftsleute, mit denen wir uns dieses Jahr in Brasilien unterhalten haben, sagten, dieses Jahr würde aller Voraussicht nach schwierig werden. Trotzdem möchte ich auf einige Punkte hinweisen, warum Anleger über Brasilien nachdenken sollten. Brasilien verfügt über eine riesige, dynamische Wirtschaft, von der wir glauben, sie wird in Zukunft trotz politischer Schwierigkeiten und Reformproblemen wachsen. Die Brasilianer verschaffen sich Gehör und sind aktivistisch orientiert. Unserer Meinung nach wird das Land nicht die von Argentinien oder Venezuela gewählte Richtung einschlagen. Wir suchen daher im Moment aktiv nach Möglichkeiten, unser Engagement im Land potenziell zu erhöhen, insbesondere bei Unternehmen von Weltklasse, die in der Vergangenheit zu teuer waren. Wir sind aber auch an anderen Unternehmen interessiert, für die sich unserer Meinung nach gute Aussichten bieten, die über eine solide Geschäftsführung verfügen und keine oder nur geringe Schulden haben.

 


[1]  Quelle: Brasilianische Zentralbank, Dezember 2014.

[2] Quelle: Weltbank, Daten aus 2012. „Oil Rents“ sind die Differenz zwischen dem Wert der Rohölproduktion zu Weltpreisen und den Gesamtkosten der Förderung.

[3] Quelle: Weltbank, Daten aus 2013. Exporte von Waren und Dienstleistungen (12,6% des BIP).

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