Investmentabenteuer in den Emerging Markets

Bauen für die Zukunft: Infrastruktur in Schwellenländern

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In letzter Zeit wird darüber debattiert, ob der Rohstoff-„Superzyklus“ ein für allemal vorbei ist und – insbesondere beim Öl – eine neue Ära mit niedrigeren Rohstoffpreisen beginnt. Die anstehende Preisentwicklung kann zwar niemand genau vorhersagen, doch eins weiß ich sicher: In den Schwellenländern steigt die Rohstoffnachfrage weiter. Die Wirtschaft ist in diesen Ländern in den letzten Jahren tendenziell kräftiger gewachsen als in Industrieländern, und dieser Trend dürfte sich meines Erachtens fortsetzen. In Verbindung mit steigenden Bevölkerungszahlen und einem Urbanisierungstrend erfordert dieses Wachstum einen Ausbau der Infrastruktur.

Acht der zehn bevölkerungsreichsten Länder der Welt sind Schwellenländer. Die Schwellenmärkte China und Indien sind nach Bevölkerungszahl mit jeweils insgesamt über einer Milliarde Menschen die größten Länder der Welt.[1] Diese Menschen brauchen Nahrung, sauberes Wasser, Energie, Straßen und Wohnraum. China erlebt einen Urbanisierungstrend, der unserer Ansicht nach noch lange nicht zu Ende ist und in diesen Bereichen Wachstumsbedarf schafft.

China Urbanisierung

 

 

 

 

 

 

 

 

In den Medien machten sogenannte „Geisterstädte“ in China Schlagzeilen. Von übermäßiger Bebauung ist die Rede. Doch wer China besucht, merkt schnell, dass viele der neuen Städter noch Wohnungen brauchen – und Verkehrsmittel zur Beförderung. Chinas Schienennetz ist im Vergleich zu großen und auch kleineren Industrieländern noch sehr begrenzt. China muss weiter in Infrastruktur investieren. In unseren Augen ist da noch reichlich Bedarf. Es werden mehr Straßen gebraucht, um die drastisch gestiegene Zahl von Pkw und Nutzfahrzeugen aufzunehmen, und mehr Zugverbindungen, um die wachsende Nachfrage der Milliarden Chinesen zu befriedigen.

Die Preise mancher Rohstoffe entwickeln sich sicherlich zyklisch, doch meiner Überzeugung nach sollte die Rohstoffnachfrage weltweit weiter zunehmen. Der Ölpreis ist natürlich besonders volatil, doch diese Preisvolatilität korreliert nicht mit der Nachfrageentwicklung. Als der Preis pro Barrel Öl 2014 um über 25% einbrach, ging die Nachfrage nicht in gleichem Umfang zurück. Sie steigt weiter. Die US Energy Information Administration schätzt, dass der globale tägliche Verbrauch an Mineralöl und anderen Ölflüssigkeiten um 0,9 Mio. Barrel/Tag auf durchschnittlich 92,0 Mio. Barrel/Tag angestiegen ist. Für 2015 und 2016 geht sie von einem globalen Verbrauchszuwachs um 1,3 Mio. Barrel/Tag aus.[2]

Öl ist nicht das einzige stark nachgefragte Produkt. In China hat die Zahl der Autos explosiv zugenommen. Mehr benzingetriebene Fahrzeuge sorgen für zusätzliche Umweltbelastung – der Smog in Peking ist berüchtigt. Palladiumhaltige Katalysatoren verringern dieses ökologische Problem, weshalb die Palladium-Nachfrage nach unseren Erwartungen weiter anziehen sollte. Zufällig ist Palladium der einzige Rohstoff, der 2014 keinen Preisrückgang verzeichnete, als viele andere Rohstoffpreise nachgaben.

Schienendichte

 

 

 

 

 

 

 

 

Das dritte Plenum der Kommunistischen Partei Chinas 2013 kündigte verschiedene Reformen im Zusammenhang mit der Infrastrukturentwicklung an wie Deregulierung der Privatwirtschaft, Reform der Rohstoffpreise und Verbesserungen der Effizienz und Ressourcenallokation in Staatsbetrieben. In mehreren maßgeblichen Bereichen verzeichnet China Fortschritte, da verschiedene Sektoren wie Eisenbahnen für private Investitionen geöffnet wurden. Auch das Verfahren für die Genehmigung ausländischer Investitionen wurde vereinfacht.

Manche Prognostiker glauben, dass Indien in den nächsten zehn Jahren sogar schneller wächst als China. Indien setzt gerade zum Höhenflug an, wie ich es formulieren würde. In den letzten zehn Jahren erhöhte sich das Bruttoinlandsprodukt im Schnitt um rund 7%, doch wenn die Reformbestrebungen fortgesetzt werden, könnten die Wachstumsraten im nächsten Jahrzehnt bei 8% bis 9% liegen. Wie China braucht auch Indien Infrastruktur.

Riding the rails in China
Zugverkehr in China

Doch es sind nicht nur Schwellenmärkte, deren Infrastruktur verbessert werden muss. Die bestehende Infrastruktur vieler Industrieländer kommt in die Jahre und muss saniert, ersetzt oder modernisiert werden. Ein aktueller Bericht der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) zeigte, dass das Tempo wesentlicher Strukturreformen in vielen Industrieländern abnimmt. Parallel dazu steigern viele Schwellenländer ihre Reformgeschwindigkeit in letzter Zeit.[3] Dem Bericht zufolge belegen die beschleunigten Reformen, dass man sich der Engpässe und Wachstumsgrenzen bewusst ist, und dass Schwachstellen in Ländern behoben werden müssen, die stärker auf Schwankungen der Rohstoffpreise reagieren. Wir konnten beobachten, wie der jüngste Preisrutsch beim Öl in manchen Schwellenländern, die von niedrigeren Preisen profitieren, Reforminitiativen ausgelöst hat. Sie konnten demnach Kapital daraus schlagen durch den Abbau von Subventionen, die Staaten teuer zu stehen kommen können.

Eine rasant wachsende Bevölkerung und mehr Wohlstand, gekoppelt mit Wirtschaftswachstum und Urbanisierungstrends, vor allem in Schwellenländerregionen, können der Entwicklung und der beschleunigten Zunahme von Infrastrukturanlagen Vorschub leisten. Gleichzeitig könnten Haushaltszwänge und niedrige Wachstumsraten in vielen großen Industrieländern die potenziellen staatlichen Infrastrukturausgaben dort in den nächsten 20 Jahren drücken.

Staus werden in den Schwellenländern immer häufiger.

Wir sehen, wie die Schwellenmärkte auf diesen Infrastrukturbedarf reagieren, indem sie im eigenen Land Reformen durchführen und Expansion vorantreiben, aber auch, indem sie um mehr Kapital aus dem Ausland werben, das vielfach aus anderen Schwellenländern kommt. Im Rahmen der Bemühungen um intensivere Beziehungen zu Lateinamerika besuchte der chinesische Premierminister Li Keqiang im Mai Brasilien, Kolumbien, Peru und Chile und traf Vereinbarungen zur Kooperation bei Produktionskapazitäten. Er unterzeichnete über 70 Kooperationsdokumente für Energie, Bergbau, Infrastruktur und wissenschaftliche und technische Innovation. Auch die Einrichtung eines mit 30 Mrd. US-Dollar dotierten Fonds zur Förderung der Zusammenarbeit bei der Produktionskapazität wurde angekündigt. China und die Eurasische Wirtschaftsunion, zu deren Mitgliedern unter anderem Armenien, Weißrussland, Kasachstan und Russland zählen, unterzeichneten ferner eine gemeinsame Absichtserklärung zur Erarbeitung einer Kooperationsvereinbarung für Wirtschaft und Handel.

Im April besuchte Chinas Präsident Xi Jinping den Grenzmarkt Pakistan. Dort wurden im Rahmen eines 46 Mrd. US-Dollar schweren Plans zur Einrichtung eines Wirtschaftskorridors China-Pakistan, eines Straßen-, Schienen- und Pipelinenetzes, verschiedene Handels-, Energie- und Infrastrukturabkommen geschlossen.

Im Mai besuchte der indische Premierminister Narendra Modi China und traf mit Präsident Xi Jinping und Premier Li Keqiang zusammen. Neben Kooperationsvereinbarungen in Sektoren wie Bildung und Hochgeschwindigkeitszüge wurden von den beiden Ländern auch Investitionsvereinbarungen für erneuerbare Energie, Häfen und Industrieparks im Volumen von insgesamt 22 Mrd. US-Dollar unterzeichnet. Im letzten Monat kündigte Modi ferner eine Kreditlinie von 1 Mrd. US-Dollar zur Förderung der Infrastrukturentwicklung in der Mongolei an.

Auch in Brasilien wurde in letzter Zeit eine Reihe neuer Infrastrukturprojekte vorgestellt. Dort werden Straßen, Brücken, Tunnels und verschiedene andere Projekte privatisiert. Brasilien hat sich schon an der Privatisierung versucht, doch oft waren die Bedingungen schlecht, und die Investoren sprangen ab, weil sie fürchteten, unrentable Projekte zu finanzieren. Angesichts der derzeitigen Schwäche der brasilianischen Wirtschaft überdenkt die Regierung ihre Haltung und macht Investoren attraktivere Projektangebote. Bei Zuschlag erhält die Regierung das Geld im Voraus, was zur Lösung ihres Haushaltsproblems beiträgt. Meines Erachtens könnte sich in Brasilien einiges schneller bewegen, wenn die Privatwirtschaft viele dieser neuen Projekte vorantreibt, und hoffentlich kann auch die Korruption eingedämmt werden. Während des Brasilienaufenthalts des chinesischen Premiers Li Keqiang kamen in verschiedenen Sektoren wie Infrastruktur, Handel, Energie und Bergbau mehr als 30 Vereinbarungen über insgesamt 53 Mrd. US-Dollar zum Abschluss.

Gleichzeitig investiert Thailand jenseits seiner Grenzen. Nach China ist es der zweitgrößte ausländische Direktinvestor in Myanmar, wo es sich in Bereichen von Öl- und Gasexploration bis zu Finanzdienstleistungen engagiert. Myanmar hat auch Projekte von Investoren aus Japan, Singapur und Südkorea genehmigt. Nach Angaben des Directorate of Investment and Company Administration (DICA) von Myanmar haben bislang Hunderte von Unternehmen aus 38 anderen Ländern über 55 Mrd. US-Dollar in zwölf Sektoren in Myanmar investiert.[4] Unserer Ansicht nach verspricht sich das Land zu einem großen, dynamischen Markt zu entwickeln, und wir erkennen dort viele potenzielle Chancen.

Wohin sich die Rohstoffpreise auch entwickeln, nach unserer Überzeugung dürfte die Nachfrage nach Infrastruktur in den Schwellenländern anhalten. Aus diesem Grund interessieren wir uns weiter für Rohstoffaktien, aber auch für Unternehmen, die sich an der Infrastrukturentwicklung beteiligen.


[1] Quelle: Directorate of Investment and Company Administration (DICA), Stand: Mai 2015.

[2] Quelle: OECD (2015), „Economic Policy Reforms 2015, Going for Growth”, OECD Publishing, Paris. http://dx.doi.org/10.1787/growth-2015-en

[3] Quelle: US-Energy Information Administration, Short-Term Energy Outlook, 7. Juni 2015. Es gibt keine Garantie dafür, dass sich eine Schätzung oder Prognose bewahrheitet.

[4] Quelle: Weltbank, Datenbank der Weltentwicklungsindikatoren, basierend auf Daten von 2013.

 

Wichtige Hinweise:

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 Alle Anlagen sind mit Risiken behaftet, inklusive des möglichen Verlusts der Anlagesumme. Ausländische Wertpapiere bringen spezielle Risiken mit sich, darunter Wechselkursschwankungen, wirtschaftliche und politische Ungewissheit. Anlagen in Schwellenländern sind mit erhöhten Risiken in Bezug auf dieselben Faktoren verbunden. Hinzu kommen die durch ihre kleinere Größe, ihre geringere Liquidität und den nicht so fest gefügten rechtlichen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rahmen zur Stützung der Wertpapiermärkte bedingten Gefahren. 

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