Investmentabenteuer in den Emerging Markets

Indien: Zinsen, Inflation und Ambitionen für den Produktionssektor

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Dieses Jahr galt die Aufmerksamkeit der globalen Finanzmärkte vor allem dem Wachstum in China und dem möglichen geldpolitischen Kurswechsel der Federal Reserve in den USA. Vielen Anlegern ist vielleicht gar nicht klar, dass Indien – nach Kaufkraftparität immerhin die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt – dieses und nächstes Jahr voraussichtlich noch stärker wachsen wird als China und die USA.[1]
Angesichts der Bestrebungen, Indiens sehr hohes Zinsniveau zu drücken, ist die Inflation ein heißes Thema. Die Reserve Bank of India (RBI) hat immer schon davor zurückgescheut, bei hoher Inflation die Zinsen zu senken. Allerdings ist die Lage, was Indiens Inflation angeht, verwirrend. Betrachtet man Indiens Großhandelspreisindex, so scheint es, dass das Land Deflation erlebt: Im September 2015 notierte der Index bei ‑4,54%.[2] Dagegen verzeichnete der Verbraucherpreisindex (VPI) mit +4,41% im September 2015 Inflation.[3] Diese Kluft gibt jedem Bedenken, der sich auf die Inflationszahlen – und deren mögliche Marktauswirkungen – einen Reim zu machen versucht.

Mitglieder der indischen Regierung wie auch einige prominente Wirtschaftskapitäne haben sich über die hohen Zinsen beschwert, doch Raghuram Rajan, der Gouverneur der RBI, scheut davor zurück, die Zinsen zu schnell und zu stark zu senken, weil er neuerliche Inflation befürchtet. Am 29. September hat die RBI dann jedoch nachgegeben und ihren Leitzins zum vierten Mal in diesem Jahr auf nunmehr 6,75% gesenkt. In ihrer amtlichen Erklärung führte die RBI Abwärtsrisiken für das Wachstum sowie den Rückgang des Headline-VPI an, der im August auf dem niedrigsten Stand seit November 2014 notierte. Die RBI hat allerdings auch angemerkt, dass die Inflation wohl – zumindest ein paar Monate lang – noch steigen werde, weil bei einigen günstigen Effekten eine Umkehr wahrscheinlich ist. Ich denke, dass die RBI, was weitere Zinssenkungen angeht, sehr vorsichtig bleiben wird. Sehr viel wird von der Binneninflation abhängen, aber auch davon, ob das Wirtschaftswachstum zulegt oder nachlässt.

Inflation in Indien

Indien VPI-Inflation

Seit 2013 sind sowohl die Verbraucher- als auch die Großhandelspreise in Indien zweifellos deutlich zurückgegangen. Allerdings besteht auch Klarheit darüber, dass der Großhandelspreisindex (WPI) ganz anders zusammengesetzt ist als der Verbraucherpreisindex (VPI). Der WPI konzentriert sich auf die Preise für handelbare Güter wie Kraftstoffe und Stahl, deren Preise auf den internationalen Märkten dramatisch gefallen sind. Der VPI ist dagegen auf Dinge wie Lebensmittel, Getränke, Wohnungen, Versorgungseinrichtungen und Kleidung ausgerichtet, wo sich die internationalen Rohstoffpreisbewegungen, jedenfalls kurzfristig, weniger stark auswirken. Die Debatte geht weiter, doch der rückläufige Trend bei beiden Inflationsindizes verheißt Gutes für die indischen Zinssätze. Wir denken, dass das den indischen Aktienmarkt stützen dürfte – jedenfalls solange es keine unerwarteten externen Schocks gibt.

Starke Hoffnung auf Änderungen
Als im Frühjahr 2014 die neue Regierung gewählt wurde, schien es, dass die Aussichten für Indien viel Zuversicht auslösten: Der indische Aktienmarkt schnellte in die Höhe. Auch wir teilten diesen allgemeinen Optimismus, obgleich wir wussten, dass es schwierig werden würde, alle von Premierminister Narendra Modi angekündigten Reformen tatsächlich umzusetzen. Die bisherigen Maßnahmen waren jedoch gut, und als Anleger begrüßen wir jeden Schritt in die richtige Richtung, den Indien unternimmt. Natürlich wäre es uns sehr lieb gewesen, wenn Herr Modi alle versprochenen Reformen sofort umgesetzt hätte, uns ist aber klar, dass dies schwierig ist, wenn auch die Oppositionsparteien – die die Gesetzgebungsverfahren zum Teil aufgehalten haben – an Bord geholt werden müssen. Selbst wenn Herr Modi nur einen kleineren Teil seiner versprochenen Reformen umsetzt, würden wir das als Erfolg sehen.

Dieses Jahr ist Herr Modi zu Treffen mit den verschiedensten Staatschefs durch die Welt gereist. Im September besuchte er die Vereinigten Staaten, wo er sich nicht nur mit Präsident Barack Obama traf, sondern auch mit Technologietitanen im kalifornischen Silicon Valley, um im Rahmen seiner „Make in India“-Kampagne um Investitionen zu werben sowie Produktion und Unternehmensgründungen in Indien zu fördern. Diese 2014 gestartete Kampagne soll multinationale und inländische Unternehmen dafür gewinnen, in Indien zu produzieren. Das Ziel ist, aus Indien ein wichtiges globales Produktionszentrum zu machen. Die Zielgruppe sind 25 verschiedene Wirtschaftszweige, unter anderem Autobau und Autoteile, Luftfahrt, Chemie, IT und Pharmazeutika. Indien hat in letzter Zeit einige Auslandsinvestitionen anwerben können, doch es gibt sicherlich noch Spielraum für weitere. Der Produktionssektor hat einen Anteil von nur 16% an Indiens Bruttoinlandsprodukt (BIP) und 1,8% am Welt-Output; dies ist im Vergleich zu China zu sehen, dessen Produktionssektor 34% des BIP und 13,7% der Weltproduktion ausmacht.[4] Damit die Produktion reibungslos laufen kann, kommt es vor allem auf die Infrastruktur an. Wir denken, dass nicht nur in diesem Bereich noch mehr zu tun ist, sondern dass noch weitere Reformen, zum Beispiel Steuer- und Arbeitsmarktreformen, erforderlich sind, damit  Indien allgemein attraktiver wird für ausländische Anleger.

Positiv für Indiens Ambitionen im Produktionssektor ist die vergleichsweise junge Bevölkerung: In Indien liegt das mittlere Alter bei 27, in China dagegen bei 36,8 und in den USA bei 37,8.[5] Wir sind sehr optimistisch, was Indiens Zukunft angeht, weshalb wir die dortige Entwicklung sehr interessiert verfolgen und immer auf der Suche nach günstigen Anlagemöglichkeiten sind. Angesichts der derzeitigen Marktbedingungen sind wir bestrebt, unser indisches Aktienengagement durch eine Mischung aus rohstofforientierten, exportorientierten und inländischen Unternehmen zu diversifizieren. Dabei konzentrieren wir uns insbesondere auf Unternehmen, die profitieren würden, wenn Indiens Währung weiter abwertete und die Ölpreise niedrig bleiben sollten.

Besuch eines Pharmaunternehmens in Indien.
Besuch eines Pharmaunternehmens in Indien.

In den letzten Monaten haben die Schwellenländer im Allgemeinen schlechter abgeschnitten als die Industrieländer. So hat auch der indische Markt einige heftige Schwankungen erlebt. Wir denken jedoch, dass sich das schon bald ändern wird, und zwar aus zwei wichtigen Gründen: Erstens sind viele Investoren auf Schwellenmärkten nach wie vor untergewichtet, weil sie aus dieser Anlageklasse ausgestiegen sind, und zweitens ist die Wirtschaft in diesen Ländern in den letzten zehn Jahren tendenziell kräftiger gewachsen als in den Industrieländern, und dieser Trend dürfte sich unserer Einschätzung nach fortsetzen. In Indien wird das BIP 2015 voraussichtlich auf 7,3% und 2016 auf 7,5% steigen. [6] Aber selbst wenn die Prognose für dieses Jahr etwas schwächer ist als früher, ist sie doch zweifellos recht kräftig.


[1] Quelle: World Bank, 2014; IWF, World Economic Outlook, Oktober 2015. Für Indien ist ein BIP-Zuwachs von 7,3% im Jahr 2015 und 7,5% im Jahr 2016 prognostiziert; für China ein BIP-Zuwachs von 6,8% im Jahr 2015 und 6,3% im Jahr 2016; für die USA ein BIP-Zuwachs von 2,6% im Jahr 2015 und 2,8% im Jahr 2016. Es wird allerdings nicht garantiert, dass sich solche Schätzungen oder Prognosen bewahrheiten.

[2] Quelle: Indische Regierung – Ministerium für Handel und Industrie.

[3] Quelle: Indische Regierung – Ministerium für Statistik und Programmumsetzung.

[4] Quelle: Indische Regierung, Planungskommission „The Manufacturing Plan“.

[5] Quelle: CIA World Factbook, Schätzungen von 2015.

[6] Quelle: IWF World Economic Outlook, Oktober 2015. Es gibt keine Garantie dafür, dass sich eine Projektion oder Prognose bewahrheitet.

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