Investmentabenteuer in den Emerging Markets

Shenzhen: Eine Stadt in Bewegung

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Viele Anleger machen sich derzeit Sorgen um das Wachstum in China, und die Märkte entwickelten sich in den ersten Wochen des neuen Jahres höchst volatil. Mein Team und ich haben vor kurzem einige Städte in China besucht und dort viele florierende Branchen und Unternehmen mit besten Aussichten gesehen, was meine Meinung über die dortigen Anlagechancen bestätigt hat. Hier können Sie meinen Bericht über die Reise nach Shenzhen lesen.

Shenzhen in China ist eine Stadt in Bewegung. Sie ist attraktiv für Macher und Antreiber – nicht nur, weil dort viele boomende Technologieunternehmen (aus den Bereichen Internet, Drohnen, Robotik etc.) sitzen, sondern auch, weil die Umwelt als weniger verschmutzt gilt als in vielen anderen chinesischen Großstädten. Shenzhen ist zwar nicht die Hauptstadt seiner Provinz (Guangdong), stellt Guangzhou aber in mehrerlei Hinsicht in den Schatten. Im Jahr 1980 wurde der Stadt der Status als Sonderwirtschaftszone zuerkannt, der ersten von insgesamt fünf.  Als der Reformer Deng Xiaoping 1992 dort zu Besuch war, sagte er: „Sie [die Lokalregierung von Shenzhen] sollte bei Reformen mutiger voranschreiten, sich nach außen öffnen und sich trauen, zu experimentieren.“ Dieser Segen aus Peking trug dazu bei, Reformen zu beschleunigen, sodass die Stadt bald richtig in Schwung kam. Shenzhen wurde zu einem Experiment im wertegeleiteten Marktkapitalismus oder im „Sozialismus chinesischer Art“. Die Folge war eine Welle von lokalen und ausländischen Investitionen, die Shenzhen in den 1990er und 2000er Jahren zu einem globalen Produktionszentrum und einer der am schnellsten wachsenden Städte machte – nicht nur in China, sondern weltweit. Die Wirtschaftsleistung Shenzhens übertrifft mittlerweile das Bruttoinlandsprodukt ganzer Länder wie Irland, Portugal und Vietnam.[1]

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Shenzhen, China

Gute Löhne in Shenzhen haben Zuwanderer aus ganz China angezogen, die dadurch zu einer bedeutenden Bevölkerungsgruppe geworden sind. Außerdem sind die Einwohner von Shenzhen mit einem Altersdurchschnitt von unter 30 Jahren sehr jung.[2] Durch den Zustrom von Menschen und Investitionen in die Stadt sind die Immobilienpreise gestiegen – im Jahr 2015 verschiedenen Berichten zufolge stärker als in jeder anderen chinesischen Stadt. In Shenzhen haben nicht nur ausländische Unternehmen Fabriken errichtet, auch der größte einheimische Hersteller von Telekommunikationstechnik hat sein internationales Hauptquartier in der Stadt, ebenso wie viele weitere Arten von chinesischen Unternehmen. Wegen der großen Zahl von Hightech-Unternehmen gilt Shenzhen als eines der „Silicon Valleys“ von China. Das macht die Stadt sehr attraktiv für die Absolventen technischer Universitäten und andere Chinesen, die im Internetgeschäft einsteigen wollen.

Politisch gesehen sind Shenzhen und Hongkong getrennt, doch die Grenzkontrollen wurden immer weiter gelockert. Außerdem verbinden Autobahnen und Züge die beiden Städte miteinander. Inzwischen gibt es auf dem Festland sechs Grenzübergänge zwischen den beiden Städten, und eine Zuglinie verbindet die Shenzhen Metro und die Hongkonger U-Bahn Mass Transit Railway. Nach Schätzungen pendeln jeden Tag eine Viertelmillion Menschen zwischen Hongkong und Shenzhen. Die Shenzhen Metro, eröffnet 2004, zählt mittlerweile fünf Linien, 188 Stationen und 177 Kilometer Gleise. In Zukunft soll ein Hochgeschwindigkeitszug Peking, Guangzhou, Shenzhen und Hongkong miteinander verbinden.

Am Bahnhof Shenzhen, Fahrt Richtung Nanning
Am Bahnhof Shenzhen, Fahrt Richtung Nanning

Als Ergänzung zum lebhaften Flughafen von Hongkong ist der internationale Airport Shenzhen der Hauptsitz von Shenzhen Airlines sowie Knotenpunkt für andere Passagier- und Logistik-Fluggesellschaften. Die bestehende Zug- und Straßenanbindung nach Hongkong wird derzeit nach Macau und Zhuhai erweitert, und gegenüber von Macau entsteht im Perlflussdelta eine neue Megacity, die mit einer Bevölkerungszahl von 42 Millionen Menschen das größte Ballungsgebiet der Welt darstellt.[3] Beim Anflug auf den Hongkonger Flughafen Chek Lap Kok Airport konnte ich Betonpfeiler im Meer sehen, in dem eine Reihe von Brücken und Tunneln nach Macau gebaut werden. Ich denke, es wird eine sehr angenehme Alternative sein, nicht mehr wie bisher mit dem Boot nach Macau zu fahren, sondern stattdessen den ganzen Weg dorthin sowie nach Zhuhau, Shenzhen und in andere Teile Chinas mit dem Auto auf und unter dem Meer zurückzulegen.

Mit den Hauptsitzen der zwei größten Banken Chinas ist Shenzhen nicht nur ein Produktions-, sondern zunehmend auch ein Finanzzentrum. Die Shenzhen Stock Exchange (SZSE) ist neben der Shanghai Stock Exchange die zweite Börse Chinas. An ihr sind mehr als 1700 Unternehmen notiert, darunter die am Growth Enterprise Market (GEM) Board.[4] Der SZSE Composite Index besteht aus 500 börsennotierten Aktien mit einer Marktkapitalisierung von zusammen mehr als 300 Mrd. US-Dollar.[5] Für dieses Jahr wird der Start des Programms Shenzhen-Hong Kong Stock Connect erwartet, das den grenzüberschreitenden Handel erleichtern und so mehr Möglichkeiten für Anleger eröffnen soll. Aktuell fördert die chinesische Regierung die Entwicklung von Shenzhen zu einem mit Hongkong vergleichbaren Finanzzentrum; dazu wurde Qianhai, ein Bezirk von Shenzhen, zu einem Finanzzentrum mit besonderen Rechten und Privilegien erklärt. Auf diese Weise soll die Sonderzone für Innovationen und die Entwicklung moderner Dienstleistungen positioniert sowie eine engere Kooperation zwischen Hongkong und Festland-China gefördert werden. Am wichtigsten ist, dass Qianhai besondere Freiheiten im Zusammenhang mit der Internationalisierung der chinesischen Währung Renminbi (RMB) erhält: Die Lockerung von Kapitalverkehrsbeschränkungen wird Hongkonger Banken die Möglichkeit geben, Geschäftskredite an Gesellschaften auf dem Festland mit Sitz in Qianhai zu vergeben.

Urbane Transformation

Auf der Fahrt durch Shenzhen konnte ich sehen, wie sehr sich die Stadt verändert hat, seit ich vor etwa 20 Jahren zum ersten Mal dort war. Wo sich früher Reisfelder befanden, stehen heute Büro- und Appartementhäuser – von denen einige zu den höchsten in ganz China zählen. Derzeit im Bau ist das 600 Meter hohe Ping An Finance Centre, das bei geplanter Fertigstellung in diesem Jahr das zweithöchste Gebäude Chinas und das vierthöchste der Welt sein wird.[6]

Die Urbanisierung in China hält an, und immer mehr Menschen ziehen in Hochhäuser. Dies erfordert nicht nur eine Transportinfrastruktur, sondern auch kulturelle und Unterhaltungsangebote, die von der Regierung gefördert werden. Eines der von uns besuchten Unternehmen war typisch für den Trend, Wohnimmobilienprojekte mit Unterhaltungs- und Tourismusprojekten wie Themenparks, Hotels, Kinos und dergleichen zu verbinden. Das Unternehmen ist im Immobilien- und im Tourismusgeschäft in Shenzhen und anderen Teilen des Landes tätig. Mit einem Golfwagen sind wir durch einen seiner Themenparks gefahren, und wir haben in einem Hotel übernachtet, das sich über einem riesigen Einkaufszentrum befand. Offene Läden waren in dem Einkaufszentrum noch relativ wenige zu sehen, doch die Zahl der Mieter steigt. Hotel und Einkaufszentrum befanden sich neben einem schönen Park mit einer modernen Konzerthalle und einer Reihe von Restaurants, die westliche und chinesische Gerichte anbieten. Wir nahmen dort in einem sehr guten italienischen Restaurant ein Abendessen mit Blick auf einen Fluss zu uns.

Shenzhen, China
Shenzhen, China

Unsere Themenparktour in Shenzhen führte uns auch in einen Park über chinesische Geschichte, Kultur und Architektur mit den unterschiedlichen ethnischen Gruppen, die es in den 5000 Jahren Zivilisation in China gab. Beim Rundgang durch diesen Park erfreuten wir uns an der schönen Landschaft und an Modellen aus den verschiedenen Phasen der chinesischen Geschichte, an Miniversionen berühmter Touristenziele im Land und an Nachbauten von historischen Gebäuden und Szenen. Faszinierend war zum Beispiel ein Modell der Chinesischen Mauer und eines historischen Kampfs, der sich dort abspielte. Außerdem gab es an unterschiedlichen Stellen im Park eine Reihe von Aufführungen mit Tanz, Musik, Stuntshows, Zauberei, einer Lichtshow und Reitkunststücken. Ebenfalls zu finden waren mehrere Restaurants mit unterschiedlichen Gerichten aus Regionen wie Sichuan, Yunnan oder Hunan. Überrascht war ich über einen beeindruckenden Ausstellungsbereich in dem Park mit einer Thai-Pagode und Elefanten in Thai-Formation mit einem Springbrunnen, der durch seinen Sprühregen für Abkühlung sorgte. Darüber hinaus gibt es in Shenzhen auch einen Safaripark, in dem weiße Löwen gezüchtet werden.

Neue Technologien, traditionelle Medizin

Unsere Reise nach Shenzhen umfasste auch ein Treffen mit Führungskräften eines Unternehmens, das auf Hochleistungslasertechnik spezialisiert ist. Dort sahen wir automatische Anlagen für hohe Produktionsvolumina, für Lasergravuren auf Gläsern, Mobiltelefonhüllen und vielen anderen Produkten sowie für das Laserschneiden von Stahl, wie es bei der Herstellung von Schiffen oder Autos zum Einsatz kommt. Die meisten dieser Maschinen werden individuell für bestimmte Einsatzzwecke und Kunden hergestellt. Wie wir erfuhren, besteht der Lasermarkt größtenteils aus Lasern mit geringer Leistung, die in Unterhaltungselektronikgeräten verbaut werden.

Begutachten moderner und traditioneller chinesischer Heilmittel
Begutachten moderner und traditioneller chinesischer Heilmittel

Am nächsten Tag besuchten wir einen Hersteller traditioneller chinesischer Medizin (TCM). Die Produkte des Unternehmens werden über Krankenhäuser und vor allem Apotheken verkauft. Bei Besuchen in einigen Drogerien in verschiedenen chinesischen Städten stellte ich schnell fest, dass traditionelle Kräuter dort nicht nur als Tabletten, Kapseln und/oder Säfte allgegenwärtig sind, sondern auch in naturbelassener Form. Die Verkäufe an den Einzelhandel erfolgen über Distributoren, für Krankenhäuser ist ein eigenes Vertriebsteam zuständig. Bei einem Gespräch über die Bewertung der großen Vorräte an kostbaren Kräutern in seinem Lagerhaus erfuhr ich, dass diese zu den Einkaufskosten verbucht werden, obwohl sie einen deutlich höheren Wert haben. Für die Beschaffung der großen Vielzahl an Wurzeln, getrockneten Blumen und Zweigen werden Einkäufer im ganzen Land benötigt; zusätzlich hat das Unternehmen eigene Farmen für einige verbreitete Kräuter. Es sieht Potenzial für die breitere Anwendung von TCM in westlichen Gesellschaften.

Das Team und ich haben unseren Besuch in Shenzhen sehr genossen und sehen darin eine boomende Stadt, die bei Kultur, Attraktionen und möglichen Anlagegelegenheiten Altes und Neues vereint.


[1] Quellen: Shenzhen Municipal E-government Resources Center, Weltbank, Stand: 2014

[2]Quelle: Survey Office of the National Bureau of Statistics in Shenzhen, Daten von 2011

[3]Quelle: Weltbank, „East Asia’s Changing Urban Landscape: Measuring a Decade of Spatial Growth“, Januar 2015; Bevölkerungszahl basierend auf Daten von 2010.

[4]Quelle: Shenzhen Stock Exchange, Stand Januar 2016.

[5] Ibid.

[6]Quelle: „Ping An Finance Center Structurally Topped Out in Shenzhen“, Pressemitteilung des Council on Tall Buildings and Urban Habitat, 4. Mai 2015.

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